Ein Mal im Monat präsentieren wir im Monthly Dreizeiler, was uns in letzter Zeit inspiriert oder geschockt hat. Das was augenöffnend war.

She’s beautiful when she’s angry

— ein Film

Der Abspann läuft und ich bin voller Energie, habe Lust auf die Straße zu gehen, Demos für Gleichberechtigung zu organisieren, aktiv und aktivistisch zu werden – sitze aber dummerweise ziemlich einsam irgendwo im Nirgendwo in Südfrankreich. Zurück in Flensburg – die Energie ist schon fast wieder verpufft – gehe ich zur Pro-Choice-Demo und bin überrascht, dass nicht viel mehr Leute gekommen sind. Als ob es nicht ein riesiger, riesiger Schritt zurück und in eine ganz schrecklich falsche Zeit wäre, wenn im neuen Zentralkrankenhaus keine Schwangerschaftsabbrüche mehr möglich wären. Ich denke: Ganz Flensburg sollte den Film gucken. Aber warum hat mich der Film über die Geschichte und Akteur*innen der Frauenbewegung eigentlich so motiviert?

Vor allem, weil die Regisseurin Mary Dore nicht versucht die Bewegung perfektioniert, romantisiert und als eine kohärente Entwicklungslinie darzustellen. Stattdessen zeigt sie all die Umbrüche, die Widersprüche, die Verfehlungen und die Diversität der Bewegung. Dass trotzdem viel Energie entwickelt wurde und viel erreicht wurde, macht Mut. Es darf also auch Uneinigkeit geben. Uneinigkeit und Streit heißt eben nicht, dass es keine Veränderung geben kann. Vielleicht entsteht die Veränderung sogar erst durch den Streit. Das bedeutet für mich: es muss nicht immer alles perfekt durchdacht werden. Einfach anfangen und im Prozess, in der Auseinandersetzung, miteinander und voneinander lernen geht auch.Viel wurde erreicht, aber über viele Dinge müssen wir immer noch, und wieder, reden. Zum Beispiel über Schwangerschaftsabbrüche. You’re beautiful when you’re angry. Also zeig, dass du wütend bist!

Marie

Es gibt sie noch: Leibeigenschaft

— ein Radiobeitrag

Wir fahren mit dem Auto von Paris aus an die Nordküste Deutschlands. Irgendwann gibt es nur wenig zu sagen, der Musik-Streamingdienst ist langweilig und wir schalten das Radio an:

„… Freitagabend, dem Ruhetag des Islam, versammeln sich die Sklaven in Dörfern und Slums, in Hütten oder unter Sonnensegeln…“

Wir nicken uns in stillem Einverständnis zu und hören die Sendung. Es ist eine Art Hörspiel über Sklav*innen in der Islamischen Republik Mauretanien, mit O-Tönen, Erzählerin und Musik, zwischendurch gespickt mit poetischen Zeilen der Gesänge, Madh genannt, die abends von den Sklav*innen gesungen werden. 

Ich verstehe erstmal nichts, denn der Erzählmodus im Präsens verwirrt mich. In welcher Zeit befinden wir uns? Im 18. Jahrhundert? Als meine Verwirrung vollkommen ist, wird sie aufgelöst:

„Deshalb wird Sklaverei in Mauretanien bis heute von Herren und Sklaven als gottgegeben hingenommen. Ewige Verdammnis drohe dem, der sich dagegen auflehnt. Das lernen schon die Kinder…,“ erklärt die Erzählerin.

Ein Screenshot der Seite verrät auch erst nach dem Hören seine Ganze Tiefe.

Ich wusste nicht, dass es Sklaverei, in dieser Form der Leibeigenschaft, noch immer gibt. Das vermeintlich historische Hörspiel ist eine Dokumentation der Gegenwart und meine Weltsicht auf den Kopf gestellt.  Und doch gibt es auch jene, die trotz der drohenden Verdammnis der Sklaverei entfliehen. Mokthar, der in Sklaverei geboren wurde, so erfahren wir, ist einer davon. Ebenso wie sein Vater floh er vor seinen Herren. Jetzt will er seine Mutter dazu überreden, auch zu fliehen. Aber sie erklärt ihn für verrückt, vom Teufel besessen. — Viele der Sklav*innen betrachten ihre Unterdrücker*innen als Familie und können mit dem Begriff der Freiheit, wie wir ihn in weiten Teilen der Welt verstehen, nichts anfangen. 

Beim Plätzchen backen, Wäsche sortieren oder Fahrrad reparieren: Hört euch das einstündige Feature von Thilo Guschas und Mahmoud Tawfik unbedingt an! Kann auch runtergeladen werden: Die Sklaven von Mauretanien

Laura

Billig will ich!

— Ein Kommentar zum Black Friday

Wir wollen euch im Monthly Dreizeiler daran teilhaben lassen, was uns im vergangenen Monat bewegt hat, uns schockiert oder motiviert hat. Ich war diesen Monat eher verblüfft – und ja, auch schockiert – von einer Werbeaktion zur Neueröffnung der Filiale einer großen bekannten Fast Fashion Marke. Dazu gleich mehr.

Mit diesem Plakat wirbt eine Fast Fashion Marke aktuell.

Den ganzen November über hat mich der „Black Friday“ beschäftigt. An diesem Tag, immer der vierte Freitag im November (einen Tag nach dem amerikanischen Thanksgiving) locken Firmen – online wie offline – mit satten Rabatten und läuten so das Weihnachtsgeschäft ein. Das Motto dabei meist: „Billig will ich“ . Dabei scheint es völlig egal zu sein, ob ich den dritten blauen Pullover, den fancy Entsafter oder den neuesten Flatscreen mit 4K (?!) überhaupt brauche: Es ist billig, also will ich es! Die Umsätze an diesen Tagen schlagen immer wieder Rekorde. Die ganze Woche vor dem Black Friday bis zum Montag danach steht ganz im Sinne des Konsums, fast alle Unternehmen machen inzwischen mit. Keine Werbungen, die nicht auf die extremen Rabatte und Mega-Deals hinweisen. Es wird gekauft, als gäbe es kein Morgen mehr.

Dieses Motto hat sich wohl auch die Marketing-Abteil von ONLY zu Herzen genommen. Auf Instagram konnte man als Highlight zur Ladeneröffnung in Flensburg ein Gratis-Shoppen für 60 Sekunden für sich und eine*n Freund*in gewinnen. Bedeutet: Vor Ladenöffnung durften zwei Freund*innen für ganze 60 Sekunden (!) alles, was sie in der Zeit aussuchten, behalten, ohne dafür bezahlen zu müssen. 

60 SEKUNDEN LANG GRATIS SHOPPEN. Am 22. November 2019 um 9 Uhr hast Du die einmalige Möglichkeit, noch vor offizieller Ladeneröffnung, gemeinsam mit einer Freundin oder einem Freund, ganze 60 Sekunden lang so viel Du tragen kannst, gratis zu shoppen. (…).

Das Motto der Aktion zur Filialeröffnung in Flensburg, Quelle: @Only_Flensburg

Dass das dazu führt, einfach alles zusammen zu raffen, was man unter die Fingernägel bekommt, ohne es anzuprobieren oder zu überlegen, ob das Teil eine Daseinsberechtigung im eigenen Kleiderschrank hat, ist relativ offensichtlich. Und was will man zwei vermutlich jungen Frauen auch vorwerfen, wenn ihnen dieses Vergnügen quasi vor die Füße geworfen wird? Dabei wird mit so einer Aktion doch der Ware ihr wahrer Wert vollkommen abgesprochen: Nehmt so viel ihr wollt! Wir haben genug davon, wird es doch sowieso zu Dumping-Preisen irgendwo in der Ferne hergestellt. Dass dort aber Menschen unter sehr schlechten Bedingungen und für viel zu wenig Geld arbeiten müssen, damit wir in Westeuropa billig Kleidung raushauen können, wird völlig im Dunkeln gelassen. Hauptsache die Aktion bringt neue Instagram-Follower*innen und die Kasse klingelt. Aber gerade in der jetzigen Zeit, zwischen Klimakrise und Globalisierungskritik, sollte eine Bekleidungsmarke, die insbesondere von jungen Frauen getragen wird, mehr aussagen als „Geiz ist geil“ und „Hauptsache haben, haben, haben“. Wir müssen wieder lernen, unsere Kleidungsstücke wertzuschätzen und das geht – leider – besonders bei neuer Ware auch über den Preis.

Ich kann gut verstehen, wenn man sich am Black Friday mit einem guten Deal einen lang gehegten Wunsch endlich erfüllen kann. Insbesondere bei geringem Einkommen sind so krasse Rabatte manchmal die einzige Möglichkeit, um sich etwas Bestimmtes leisten zu können. Ich will hier aber eher auf den Hyperkonsum der breiten Masse hinaus, die nicht auf Rabatte angewiesen ist. Denn scrollt man das ganze Black Weekend über ohne konkreten Kaufwunsch durch Amazon, Saturn oder Zalando, nur damit man auf einen vermeintlichen Super-Deal stößt, haben es die Firmen mal wieder geschafft, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen durch unnötige Anschaffungen, die durch ihre Produktion das Klima belasten. 

Mit dem beginnenden Dezember geht nun auch die Weihnachtszeit los: Ich denke, ein bisschen mehr Besinnung täte uns allen beim oft sinnlosen Shoppen sicherlich gut.

Lisa

Wie wollen wir Freiheit definieren?

– „In the anthropocene“ von Nick Mulvey

In meine algorithmus-vermittelte Playlist spülte letztens ein Song, dessen Text mir seitdem im Kopf herumgeistert. Zu Wellenrauschen und seichten Gitarrenklängen, stellt der Musiker Nick Mulvey, darin eine doch ziemlich große Frage:

In the anthropocene, what does your freedom mean?

Natürlich ist die Frage nach Freiheit überhaupt gar nicht neu. Philosoph*innen beschäftigen sich damit mindestens seit Platon. 

Eher treibt mich um, wie mir in meiner bisherigen Lebenszeit das Konzept Freiheit vermittelt wurde. In den 90ern und frühen 2000ern glaube ich mich zu erinnern, dass der oder die frei war, die viel hatte, viel ausgeben konnte. Und natürlich die Person mit dem Auto, denn es galt und gilt bis heute: „Freie Fahrt für freie Bürger“.

Seit einigen Jahren hat sich das etwas gewandelt: Jetzt ist frei, wer viel Zeit hat und wenig besitzt. Frei sind die Yogaurlauber*innen auf Bali und die VW-Bus-Besitzer*innen bei ihren Kaffeepausen auf den Bergketten dieser Welt. 

So unterschiedlich diese Freiheitsverständnisse auf den ersten Blick auch wirken, sie beschreiben beide eine Freiheit zu – die Freiheit zuzugreifen auf die Welt, meistens mittels Geld. In der Philosophie nennt man diese Art der Freiheit übrigens “positive Freiheit”.

Aber wie sollten wir denn nun Freiheit im Anthropozän definieren – in einem Zeitalter, in dem menschliche Tätigkeiten den größten Einfluss auf Veränderungen des Klimas und der Umwelt haben? Wie können wir überhaupt das Ziel der Freiheit definieren, auf einem Planeten, der dem Untergang geweiht scheint? Fest steht: Unsere vermeintliche Freiheit geht auf Kosten der Natur und auf Kosten anderer. Das ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern vor allem ein strukturelles.

Die Frage im Kopf wälzend, bin darauf gekommen, dass es ja auch eine Freiheit von gibt – die übrigens “negative Freiheit” genannt wird. 
Ich möchte gerne frei sein von dem Zwang zu konsumieren. 
Ich möchte frei sein von dem Zwang andere auszubeuten.
Frei von dem Zwang schlechte Luft zu atmen und Plastik zu essen.
Frei von dem Kampf gegen Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungsformen.
Frei von dem Gedanken, dass die Zukunft schon jetzt zerstört wird.

– Das ist sicherlich nicht vollständig und doch mein bisheriges Fazit: Wir müssen nicht nur fragen, wie für uns persönlich Freiheit aussieht, sondern einen ganz neuen Blickwinkel einnehmen. Es gibt nicht nur die Freiheit Dinge zu tun, sondern auch die Freiheit von äußeren und inneren Zwängen und ich glaube, es würde uns allen gut tun, wenn wir uns wieder mehr auf letztere besinnen.

Übrigens singt Nick Mulvey noch andere Zeilen, die ebenso zum Nachdenken anregen können. Er beantwortet seine eigene Frage etwas anders als ich und malt eine Vision von der Rückkehr des Guten Lebens für alle: Die reine Luft kehrt zurück und das reine Wasser. Traditionelle Formen der Fürsorge werden reaktiviert und altes Wissen. – Insgesamt wird das Lied zu einer Hymne für eine naturverbundene Lebensweise. Diese Romantisierung kann man jetzt in Frage stellen. Oder auch nicht. 

Ich belasse es für mich selbst dabei, erstmal eine Antwort auf die erste Frage zu suchen.

Emma

Posted by:transitioneer

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