Ein Mal im Monat präsentieren wir im Monthly Dreizeiler, was uns in letzter Zeit inspiriert hat, was uns geschockt hat oder auch augenöffnend war.


„Kritisieren was ist, heißt sagen, was geändert werden muss“ – Der Dissens Podcast

Manchmal ist es einfach schön zu hören, statt zu lesen. Vor allem, wenn es sich um schlaue, linke Kritik handelt. Genau das bietet der Dissens Podcast, der sein Augenmerk darauf richtet, was so alles schief läuft in der Gesellschaft. Leider müssen wir uns keine Sorgen machen, dass es dem Podcast allzu bald an Themen ausgeht: „Kritisieren was ist, heißt sagen, was geändert werden muss“ ist das Motto.

Lukas Ondreka führt jede Woche Gespräche mit Menschen, die etwas zu Politik, Kapitalismus und Gesellschaft zu sagen haben. In Folge 31 kann man aktuell Michael Bohmeyer zuhören, dem Initiator von Mein Grundeinkommen, über das regelmäßig bedingungslose Grundeinkommen verlost werden. Er sagt so schlaue Sachen, wie:

„Es geht gar nicht so sehr darum, was die Menschen mit dem Geld machen, sondern was das Geld mit den Menschen macht. Oder vielmehr was diese Bedingungslosigkeit mit den Menschen macht.“

Was meint er damit?

Zum Beispiel, dass drei Gewinner*innen, die zuvor darüber nachgedacht hatten, sich von ihren Partnern zu trennen und sich das nicht leisten konnten, weil die finanziellen Abhängigkeiten zu groß waren, sich letztendlich nicht getrennt haben. Spannend daran: Sie hatten plötzlich eine Wahl. Wer gehen kann, entscheidet sich vielleicht fürs Bleiben – und das mit völlig anderen Dynamiken. Genau dasselbe trifft natürlich auch auf Job, Ehrenamt, Kinderwunsch und alle anderen Lebensbereiche zu. Wie oft die Wahl davon beeinflusst ist, wie viel Geld auf dem Konto liegt, ist für mich in dieser Podcastfolge einmal mehr klar geworden. 

„Hol dir Dissens!“

Das Gespräch mit Bohmeyer ist übrigens nur der Auftakt einer kleinen Serie über das bedingungslose Grundeinkommen: Heute folgt ein Gespräch mit der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping und am 07.08. mit dem Armutsforscher Christoph Butterwegge. Auch die folgenden Gespräche werden also sicherlich spannend. Genauso wie es die vergangenen Gespräche waren. – Marie


Sommercafé im Projektraum hundertacht

Es ist Sommer in Flensburg und da, am weniger bekannten relativen Ende der Norderstraße tut sich etwas. Hier sitzen unerwartet Menschen an einem improvisierten Kaffeetisch in der Sonne auf dem engen Bürgersteig, schlürfen Kaffee, genießen Kuchen und unterhalten sich. 

Einfach so.

Das kleine Sommercafé haben Engagierte ins Leben gerufen, die einen Begegnungsraum schaffen wollten, der es jenseits der üblichen Bar- und Cafészene ermöglicht, zusammenzukommen. Wenn über die hundertacht gesprochen wird, dann meistens im Kontext von Treffen der Soleiko (Solidarische Einkaufskooperative) oder es fallen Sätze wie “Ich geh mein Solawi-Gemüse holen”. Seit Juli gibt es nun allerdings und erfreulicherweise jeden Mittwoch das Sommercafé. Bei Sonne draußen und bei Schietwetter drinnen – auch das Drinnen der hundertacht hat sich verändert: Frische Farbe, andere Möbel, es wurde renoviert. Teilfinanziert wird das ganze Projekt durch die Initiative Wir im Quartier! der Stadt Flensburg. 

Improvisiert und schön!

Als ich meine Kamera raushole, um ein paar Fotos für diesen Artikel zu knipsen, spricht mich meine Tischnachbarin an und wir kommen übers Fotografieren ins Gespräch. Sie erzählt mir von ihren Eskapaden in den 80ern und ich bin ganz selig über diesen generationsübergreifenden Austausch. 

Neben Gesprächen, die an der eigenen Perspektive ruckeln, gibt es Kaffee, Tee und himmlische selbstgebackene Torten oder Kuchen – immer auch eine oder zwei rein pflanzliche Versionen. Jede Woche  andere Gesichter, immer herzlich. – Laura

Kaffee und Kuchen gegen solidarische Spenden

Von Juli – September 
Immer mittwochs von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr 
In der Norderstraße 108 
Alles auf Spendenbasis, solidarisch.

Einfach mal mit ‚Fremden‘ schnacken



Rumstadt Kolonialstadt Flensburg

Flensburg ist eine Perle, keine Frage. Reich und schön ist die Stadt vor allem durch den Rumhandel geworden. Das wird immer noch gefeiert: Flensburg definiert sich als Rumstadt, begeht jährlich die Rumregatta, baut touristisch auf das Getränk und vermarktet stolz die Geschichten von wackeren Kaufleuten.

Die Rum & Zucker Meile ist eine touristische Tour durch das postkoloniale Flensburg – was dabei völlig ausgeblendet wird: Wo kommen Rum und Zucker eigentlich her? Wie wurde das Zuckerrohr angebaut? Und wer baute an?

Das dominante Rumnarrativ verdeckt dabei fast vollkommen, woher der Rum und der Ruhm eigentlich kommen. In den letzten Monaten regt sich allerdings endlich was: Sticker weisen in der gesamten Innenstadt auf die Verknüpfung der Kolonialvergangenheit Flensburgs mit der Versklavung auf den ehemaligen dänischen Kolonialinseln Saint Thomas, Saint John und Saint Croix hin. Sie regen zum Nachdenken an, geben Anstöße für eine Gegenerzählung. Aber mit ein paar Stickern sind jahrhundertelange Verdrängungsmechanismen natürlich noch längst nicht beseitigt. Klar ist: Einen Diskurs anzuregen, den viele nicht führen wollen, ist kein ganz leichtes Unterfangen. 

Die Aufkleber sind in der Innenstadt verteilt, wurde aber teilweise auch entfernt. Gegenüber von der Beachbar am Hafen findet man beispielsweise keine mehr. Ob das wohl Zufall ist?

Das Schifffahrtsmuseum ist mit der Ausstellung Rum, Schweiß und Tränen 2017/2018 allerdings schonmal einen Schritt vorweg gegangen. Die Ausstellung selbst ist leider nicht mehr zu sehen, aber die Dauerausstellung des Museums wurde im Anschluss teilweise ergänzt. Auch an der Uni ist das Thema schon (oder erst?) vergangenes Jahr angekommen und wird vor allem von Prof. Dr. Sybille Bauriedl vorangetrieben: So bildete ein Seminar zum Thema Kolonialismus in Flensburg eine der Grundlagen, als sich vergangenen Winter einige Gleichgesinnte erstmals zusammensetzten und beschlossen, das Thema verstärkt in den Fokus zu nehmen. 

Das Schifffahrtsmuseum ist zugleich auch für den Rum zuständig. Die Ausstellung ‚Rum, Schweiß und Tränen‘ – von Dr. Imani Tafari-Ama kuratiert – lenkte den Blick auf die dunkele Seite.

Charlotte Dase ist eine Aktivistin, die sich für eine stärkere Auseinandersetzung mit der Flensburger Kolonialgeschichte einsetzt. Sie erklärt, wie wichtig es für sie ist, auch die eigene Position zu reflektieren und Menschen mit anderen Erfahrungen bei Aktionen mitzudenken. Dabei kommen viele Fragen auf, z.B. welche Wortwahl verständlich und angemessen ist, wie Veranstaltungen möglichst inklusiv gestaltet werden können und was thematisch im Fokus stehen soll. „Wir sehen uns nicht als Expert*innen, sondern wollen vielmehr Denkanstöße geben.” – In Flensburg treffen sich regelmäßig Menschen, die sich mit dem Thema Postkolonialismus auseinandersetzen und projektbasiert dazu arbeiten. Falls ihr Lust habt, an den Projekten mitzuwirken, seid ihr herzlich zu den regelmäßigen Treffen eingeladen: Immer am ersten Donnerstag im Monat, um 17.00 Uhr, im Tableau. – Wer also Interesse hat und einfach mal gucken möchte, wie sie*er unterstützend mitwirken kann, ist zum nächsten Treffen am 5. September herzlich eingeladen. 

Kleinere Projektgruppen widmen sich, je nach Kapazität und Interesse, unterschiedlichen Themenbereichen. Entsprechend unterschiedlich sind auch die nächsten Aktionen. Im September wird es im Rahmen von Flensburg Erleben drei postkoloniale Stadtrundgänge geben, die den Fokus darauf lenken, wie diese historischen Gegebenheiten sich noch heute in unseren Leben widerspiegeln. Eine weitere Projektgruppe arbeitet gerade an einem ‘Critical Whiteness’-Training und eine dritte will versuchen die Ausstellung Homestory Deutschland von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. nach Flensburg zu holen. Es tut sich endlich was in Flensburg.

Zwar ziehen noch nicht alle mit und das touristentaugliche Rumnarrativ wird von vielen nur widerwillig angetastet: Keine der Parteien oder Tageszeitungen hat mit Nachdruck auf die Petition der Pilkentafel aufmerksam gemacht (s.u.). Auch die Beachbar am Hafen wirbt noch immer mit drei Strandhütten, die makabererweise die Namen der ehemaligen dänischen Kolonialinseln tragen. – Aber ein Teil der Zivilgesellschaft regt sich und auch der Rest der Flensburger Bürger*innen  kommt an dem Thema nicht mehr ganz vorbei. Schließlich kleben die Sticker überall. Charlotte findet übrigens, dass es alle Bewohner*innen betrifft:

“Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen mit der Geschichte der Stadt und deren Einfluss auf unser heutiges Leben auseinandersetzen.”

Finde ich auch und freue mich, beim Stadtrundgang im September mehr zu lernen. – Emma


Die Termine für die Stadtrundgänge:

Dienstag, 03. September, 17.00 Uhr 
Sonntag, 15. September, 14.00 Uhr
und Samstag, 21. September, 14.00 Uhr
Treffpunkt ist jeweils vorm Schifffahrtsmuseum, um Anmeldung unter flensburgpostkolonial@posteo.de wird gebeten

Ein Plakat weist am Hafen darauf hin, dass Flensburg eine ‚Leerstelle‘ hat: Es fehlt ein Denkmal für diejenigen, die in der Kolonialzeit versklavt wurden. Die Petition dafür läuft noch.

Was sonst so in dem Bereich geschieht:

Theaterwerkstatt Pilkentafel – Die Theaterwerkstatt Pilkentafel greift den Themenkomplex regelmäßig in ihren Stücken auf und kämpft gerade mit der Petition Die Leerstelle verankern (unbedingt unterschreiben!) für ein Denkmal, das an die kolonialen Grauen auf den Virgin Islands erinnern soll. Beeindruckend muss die Rede von Elisabeth Bohde gewesen sein, welche ihr zum Teil im Video sehen könnt. Sie hielt sie anlässlich des Starts der Petition und als vor einigen Wochen ein Ponton ins Flensburger Hafenbecken gelassen wurde, der auf die bisherige Leerstelle in der Stadt aufmerksam macht. 

Sammelband Sønderjylland-Schleswig Kolonial – Hier findet erstmals eine Umkreisung der Kolonialgeschichte in der Region statt. Man kann das Buch übrigens in der Dänischen Bibliothek in der Norderstraße ansehen oder sich mithilfe einer online verfügbaren Karte Erinnerungsorten in der Region nähern.



Zuletzt: Der BER hat ein Pinguin-Problem.
Habt einen tollen August & am Boden bleiben!

Posted by:transitioneer

Eine Antwort auf „Monthly Dreizeiler über kontroverses Hören, gemütliches Schnacken, postkoloniales Stickern und über den BER

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