Die Kindersterblichkeit und auch die Anzahl derjeniger, die in absoluter Armut leben haben sich verringert. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Menschen, die am Ende des Monats nicht genug Geld für Lebensmittel haben, obwohl sie drei Jobs machen. Wie kann das sein?
In seinem neuen Buch Solidarität, schreibt der Philosoph und Sozialwissenschaftler Heinz Bude darüber, dass sich die Ungleichheit zwischen den verschiedenen Gesellschaften der Welt verringern. In fast jedem Land gibt es mittlerweile einen sogenannten Mittelstand. Innerhalb der Gesellschaften verschärft sich die Ungleichheit allerdings. Während die einen reicher werden, werden die Anderen ärmer: Die Schere zwischen Arm und Reich innerhalb der einzelnen Ländern wird zunehmend größer. Egal, ob im globalen Süden oder im globalen Norden, die Gesellschaften sind in sich gespalten.

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Global hat sich ein System etabliert, in dem der Wohlstand, die Karriere – oder einfach das Leben an sich – darauf basieren, dass die einen die „unbeliebte Arbeit“ für die anderen machen oder die einen gut leben und die anderen nicht. Heinz Bude erklärt dies am Beispiel der „lousy jobs“, die existieren, weil sie die Voraussetzung für die „lovely jobs“ sind. Lovely jobs sind demnach die besseren, sicheren und einkommensstarken Jobs mit Ausblick auf Karriere. Ein Fünf Sterne Koch braucht zum Beispiel immer jemanden, der oder die die Teller spült.

Wir leben in einer unsolidarische Welt bzw. in
einem unsolidarisches Weltsystem.

Der Soziologe Stephan Lessenich beschreibt diese Hierarchie als Externalisierungsgesellschaft, in der, kurzgesagt, die Gesellschaften des globalen Nordens auf Kosten der anderen leben – beziehungsweise über die Verhältnisse anderer. Ulrich Brand und Markus Wissen, auch diese beiden sind Soziologen, nennen das imperiale Lebensweise. Die drei beschreiben das gleiche Phänomen aus einer jeweils anderen Perspektive. Ein kleines Beispiel:

In Indonesien werden kilometerlange Palmölplantagen angelegt für Bio-Sprit, damit wir in Europa in einer “sauberen Luft” Auto fahren können. Die krude Bedingung für eine “saubere Luft” hier, ist jedoch die Zerstörung des Regenwaldes und die damit verbundene Umweltzerstörung dort in Indonesien. Die Externalisierung der Kosten in Länder des globalen Südens ist somit die Voraussetzung für den Wohlstand und das „gute Leben“ im globalen Norden. Das klingt unfair? Ist es auch. Wir leben in einer unsolidarische Welt bzw. in einem unsolidarisches Weltsystem. Und in dieser Welt frage ich nach globaler Solidarität? Ist das nicht unmöglich?

Hat globale Solidarität heute überhaupt noch eine Chance?

Zurück zu unserem Beispiel der Palmöl-Produktion. Palmöl ist ein essentieller Bestandteil unseres Alltags, es findet sich u.a. in Nuss-Nougat-Creme, Kosmetika, Fertigpizza, Keksen, Kerzen oder auch in Waschmittel, eben nicht nur in “Bio”-Sprit. Mit der Palmölproduktion sind jedoch eine Reihe hoher Kosten verbunden. Unter anderen die Regenwaldabholzung,: die damit verbundene Freisetzung von CO2, die unzähligen Tierarten, die ihren Lebensraum verlieren und die vielen Menschen, die einfach ihrer Grundstücke enteignet und anschließend vertrieben werden. Zum Glück bleiben diese Kosten aber ja in Indonesien – werden “einfach” externalisiert und dadurch unsichtbar für uns verwöhnte Konsument*innen. Doch genau das ist der Knackpunkt. Denn ein zweiter Blick offenbart, dass die Kosten durchaus sichtbar werden und zu ihren eigentlichen Produzenten zurückkehren: In Form des Klimawandels – der Klimakrise. Denn das in Millionen Tonnen freigesetzte CO2, das vorher im Regenwald und seinen Organismen gebunden war, verstärkt den Treibhauseffekt und damit die Erderwärmung. Und das betrifft alle Menschen, nicht nur die Menschen des globalen Südens. Liegt in der Klimakrise die Chance auf eine globale Solidarität? Macht sie das Unmögliche möglich? Was bedeutet globale Solidarität?

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Die Bundeszentrale für Politische Bildung definiert Solidarität als das Einstehen für jemanden, dem ein Unrecht geschieht. Heinz Bude schreibt folgendes: „Der Begriff der Solidarität beschwört eine Welt, die wir mit anderen Lebewesen teilen“ und „Die Solidarischen machen sich nichts vor, sie finden sich zusammen, um den Beweis zu erbringen, dass wir zusammen weitermachen können und ich nicht aufgeben muss.“
Die Klimakrise stellt ein Unrecht dar, was großen Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt widerfährt. Denn der Klimawandel wird maßgeblich von den einen (mehr) verursacht, als von den anderen, doch diese Anderen tragen die Kosten bzw. sind als erstes und am stärksten von den Folgen betroffen. Globale Solidarität bedeutet in diesem Fall das Einstehen für diejenigen, die ihre Lebensgrundlage durch die Lebensweise der anderen verlieren.
Solidarität mit den Menschen auf der ganzen Welt bedeutet in erster Linie, dass die Menschen des globalen Nordens ihre Lebensweise ändern müssen. Außerdem muss sich eine globale solidarische Bewegung bilden, die sich gegen dieses Unrecht und für die Menschen im globalen Süden, die Kindern und Jugendlichen von heuten und unseren zukünftigen Kindern und Enkelkinder einsetzt. Die Klimakrise macht jedoch nicht vor den Gesellschaften des globalen Nordens Halt: Wir sind also selbst von ihm betroffen, wodurch ein doppelter Grund entsteht – gar ein Druckmittel – endlich zu Handeln.

Liegt die Chance in den Jugendlichen dieser Welt?

Denn sie sind diejenigen, die unter den katastrophalen Folgen der Klimakrise leiden müssen, wenn alle längst nicht mehr leben. Also, wer wenn nicht sie!
Seit fast einem jahr gehen diese auf die Straße, um genau das zu tun: Gegen die Klimakrise zu protestieren. Die Bewegung wächst und immer mehr machen bei den Fridays for Future-Bewegungen mit, um ein Zeichen zu setzen und die Politik aufzufordern endlich das Richtige zu tun. Es entsteht eine weltweite Protestbewegung: Im globalen Norden und globalen Süden gehen Menschen auf die Straße.

Denn der Klimawandel kann nur gemeinsam,
solidarisch, in dem wir uns für andere
(und uns selbst) einsetzen, gestoppt werden.

Um ihre Unterstützung zu verkünden und sich solidarisch mit der Fridays for future Bewegung zu zeigen, haben sich mittlerweile Parents for future oder Science for future gegründet. Neben viel Zustimmung und Unterstützung bekommt die Bewegung jedoch auch viel Kritik und hat zahlreiche Gegner. Allen voran Politiker*innen, die die Streiks unterbinden wollen. Da diese immer noch am Neoliberalismus festhalten und ihre Augen davor verschließen, dass genau dieser und der stetige Drang nach Wachstum uns in die Misere der Klimakrise geführt haben. Ach ja und mit den Folgen müssen sie ja schließlich nicht leben. Davon lässt sich die Bewegung jedoch nicht einschüchtern und hat mittlerweile zusammen mit Wissenschaftler*innen politische Forderungen entwickelt. Sie fordern u.a. die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und des 1,5 Grad Ziels, sowie einen Kohleausstieg bis 2030. Um das 1,5 Grad Ziel erreichen zu können, fordern sie die Abschaffung von ¼ der Kohlekraft, Subventionen für fossile Energieträger zu beenden, sowie eine Steuer auf alle Treibhausgasemissionen einzuführen. Sie fordern die deutsche Politik auf, endlich zu handeln –solange die Möglichkeit überhaupt noch besteht, etwas ändern zu können. Auch wenn das Zeitfenster zugegebenermaßen sehr klein ist .

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Extinction Rebellion, Greenpeace, Braunkohle Gegner, Robin Wood, Naturschutzbund Deutschland e.V. und und und. Neben Fridays for Future gibt es unzählige andere Bewegungen und Initiativen, die sich gegen den Klimawandel und für eine gerechte, solidarische Welt einsetzen. Auch in der Gesellschaft werden die Forderungen nach einem Handeln bzw. einem Umdenken immer lauter. Natürlich werden auch die Leugner der Klimakrise nicht unbedingt leiser.

Niemand kommt mehr drumherum, sich mit der Krise auseinanderzusetzen. Es verändert sich etwas.

Den Menschen wird die Dringlichkeit einer globalen Solidarität gegen den Klimawandel immer deutlicher. Daher müssen sich die verschiedenen Gruppen und Bewegungen zusammen tun und lauter sein als die Leugner und Gegner, um diese zu übertönen und sich endlich Gehör bei den Politiker*innen zu verschaffen. Und ja, vielleicht kann dann eine globale Bewegung entstehen, die sich solidarisch für eine Zukunft und gegen den Klimawandel einsetzt und wer weiß, vielleicht kann so die Spaltung innerhalb der Gesellschaften und auch zwischen den Gesellschaften überwunden werden. Denn der Klimawandel kann nur gemeinsam, solidarisch, in dem wir uns für andere (und uns selbst) einsetzen, gestoppt werden. Denn nur so kommt es nicht zu einer Vertiefung der sozialen Spaltung innerhalb der Gesellschaften – wie es manche in Deutschland befürchten.

Illustrationen von Marius Gehron 

Posted by:Anna-Katharina D.

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