Am 15. April brannte Notre Dame und Instagram füllte sich innerhalb weniger Stunden mit Bildern der Kathedrale. Viele wollten etwas zu dem Geschehenen sagen, ihre Anteilnahme ausdrücken. Vor allem wurde viel in den Instagram-Storys geteilt, die nach 24 Stunden wieder verschwinden.

Die sozialen Medien bieten uns unzählige Möglichkeiten uns auszudrücken. Auf Instagram werden alltägliche Bilder geteilt, vom Mittagessen, dem Training im Fitnessstudio oder zu politischen Fragen und außergewöhnlichen Ereignissen. Etwas passiert in der Welt und in den Tagen danach sind alle Medien völlig überladen mit Beiträgen. Man fragt sich kurz, ob jemals wieder über etwas anderes berichtet werden kann. Die meisten laden jedoch nur noch ein Bild hoch, setzen vielleicht einen Post in der “Story” ab, der schnell wieder verschwunden ist. Möglicherweise werden noch ein paar Spenden geschickt, aber da hört es dann wirklich auf. Und so plötzlich wie es anfing, ist es auch wieder still. Zeigen die Menschen mit einem Bild jedoch Solidarität oder nur Mitgefühl? Kann man diese Solidarität, die nur bis zu den Social Media-Grenzen reicht, vielleicht nur „Scheinsolidarität“ nennen?

Was passiert eigentlich danach?

So war es auch damals, als am 24. April 2013 das Rana Plaza in Bangladesh einstürzte. Von einer Sekunde auf die andere brach ein Shitstorm aus: Dass die Arbeitsbedingungen auf jeden Fall verbessert werden müssen, dass die Textilindustrie so nicht weitermachen kann!
Dann wurde es wieder still.
Ich war damals geschockt und habe mich gefragt, ob denn jetzt überhaupt noch etwas passiert. Wie kann etwas so Dramatisches so schnell wieder in Vergessenheit geraten und von der alltäglichen Nachrichtenflut verdrängt werden? Wie kann ignoriert werden, dass bei dem Fabrikeinsturz 1134 Menschen ums Leben kamen? Schreckliche Arbeitsbedingungen, Verletzungen der Menschenrechte – kann man das überhaupt ignorieren?

Alle Informationen zum Einsturz der Fabrik kann man auf Wikipedia (wikipedia.de) nachlesen.

Wenn eine Katastrophe nicht in Europa oder in den USA passiert, hat sie eine viel geringere Chance, überhaupt in unseren Nachrichten aufzutauchen. In der Medienwissenschaft spricht man vom Nachrichtenwert, der bestimmt, welche Meldungen als berichtenswert erkannt werden und auch mit welchem Umfang sie in den Massenmedien erscheinen. Die Eindeutigkeit des Geschehens, ihre Überraschung, der Konflikt, die persönliche Betroffenheit und die räumliche Nähe sind Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Heißt also: Von vielen Katastrophen hören wir nie, weil sie von den deutschen Redaktionen nicht für wichtig genug befunden werden, oder weil es schlicht an glaubwürdigen Informationen und Bildmaterial mangelt.

Der Brand von Notre Dame hingegen wurde nur so schnell in den sozialen Medien verbreitet, weil viele Menschen den Ausbruch des Feuers direkt filmten und veröffentlichten. Die rasante mediale Verbreitung sorgte auch dafür, dass für Notre Dame innerhalb kürzester Zeit viele Spendengelder gesammelt wurden. Mit der Medienberichterstattung kam zugleich die (finanzielle) Solidarität. Wie das Katapult-Magazin – übrigens auch auf Instagram – berichtete, wurden innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Brand 880 Millionen Euro für Notre Dame gespendet.

Dieser Instagram-Post vom Katapult Magazin (@katapultmagazin) führte am 17. April zu Diskussionen über die mediale Einordnung von Katastrophen und damit einhergehende Solidaritätsbekundungen.

Dieses Ausmaß an finanzieller Solidarität bleibt jedoch aus, wenn die mediale Verbreitung fehlt. Vom Brand des brasilianischen Nationalmuseums im September 2018 hatte ich vor dem Post des Katapult-Magazins nichts gehört. Seit dem Ereignis wurden nur 2,3 Millionen Euro Spenden gesammelt. Ähnliches gilt für die Entschädigungszahlungen für die Opfer von Rana Plaza. Es dauerte über zwei Jahre bis die nötigen Spenden von 30 Millionen US-Dollar dafür zusammenkamen. Es ist erschreckend, wie unterschiedlich die Berichterstattung ausfallen kann und wie dadurch die solidarischen Direkt-Reaktionen beeinflusst werden.

Die Stuttgarter Nachrichten (stuttgarter-nachrichten.de) berichteten am 03.09.2018 vom Brand des Museums in Rio de Janeiro.

Aber: Reicht diese „Scheinsolidarität“ vielleicht trotzdem?

Die Geschichte kann auch anders ausgehen: Manchmal lässt sich erst viele Jahre später erkennen, dass sich doch etwas getan hat. Als Reaktion auf die Katastrophe von Rana Plaza beispielsweise sind viele Bewegungen entstanden: Die Fair-Wear-Foundation und die Who made my clothes-Kampagne sind wahrscheinlich die Bekanntesten. Projekte und Kampagnen brauchen Zeit um sich zu etablieren. Wer bisher nicht gezielt nach fairen Projekten suchte und sich für sie einsetzte, entdeckt sie erst, wenn viele sich damit beschäftigen und es über die sozialen Medien die Massen erreicht, dass solche Initiativen bestehen.

#whomademyclothes wurde im April 2018 von Fashion Revolution (@fash-rev) verbreitet, um dazu zu ermutigen, die Herstellung von Kleidung zu hinterfragen und transparenter zu machen.

Viele wissen nicht, wie sie handeln können um Solidarität zu zeigen. Es braucht vielleicht auch Überwindung, um von sich aus irgendwo anzufangen und wahrscheinlich sind es die kleinen Schritte, die am Ende Großes bewirken können. Jedes faire Kleidungsstück, das gekauft wird, trägt grundsätzlich zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Näher*innen vor Ort bei. Den Kauf auf Instagram zu zeigen kann andere dazu animieren, auch ein ökologisch und fair hergestelltes Kleidungsstück zu kaufen. Jeder, der bei einer Demonstration mitläuft und davon ein Foto macht, hilft dabei, auf die Demonstration und ihren Hintergrund aufmerksam zu machen.

Heutzutage ist unser Medium nicht mehr unbedingt das Transparent, sondern oft das Internet oder die sozialen Medien – leicht zugänglich, immer zur Hand.
Ich finde es deswegen legitim, hier mit dem Engagement anzufangen. Der Vorteil ist, dass sich Nachrichten über Social Media rasend schnell verbreiten und mit etwas Geschick auf der ganzen Welt gesehen werden. Das ist die Art und Weise, wie jüngere Generationen kommuniziert: Durch Aufmerksamkeit, die längst das wichtigste Gut geworden ist. Vielleicht ist es genau deswegen die Form der Solidarität, die wir heute zeigen können. Solidarität durch Aufmerksamkeit kann die Welt zwar nicht auf einen Schlag verändern, aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.


Daher: Natürlich ist schneller gespendet, wenn die Kathedrale gestern brannte, wenn alles noch frisch im Gedächtnis ist und noch überall auf Instagram zu sehen ist. Denkt aber auch an das Nationalmuseum in Brasilien, denkt an Rana Plaza. Nur weil beides schon länger her ist, heißt das nicht, dass diese Orte nicht weiterhin Unterstützung brauchen. Spenden sind wichtig, Hilfe wird immer benötigt.

Posted by:antonia

Eine Antwort auf „Aus dem Feed, aus dem Sinn?

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