Jede Woche fordern 10.000 junge Menschen auf Demonstrationen globale Solidarität ein. Wir wollten wissen, wie sowas in der Praxis aussehen kann – gelebte Solidarität. Dafür müssen wir aus Flensburg gar nicht weit reisen, keine 20 Kilometer entfernt in Wanderup sitzen wir im Esszimmer von Judith Oeltze und Hendrik Henk. Die beiden betreiben zusammen einen Gärtnerhof, der als solidarische Landwirtschaft organisiert ist, und versorgen so wöchentlich zahlreiche Haushalte mit regionalem und saisonalen Gemüse. Während Hendrik an diesem Vormittag im leichten Nieselregen auf dem Gemüsefeld arbeitet, fordert Judith ein neues Denken. Denn sie ist überzeugt: In der Landwirtschaft der Zukunft geht es nicht um große Maschinen und EU-Subventionen. Wenn Produzent*innen und Prosument*innen zusammenkommen, lässt sich die industrielle Landwirtschaft überwinden, ohne dass das Leben an Qualität verliert.


Judith, was ist das Prinzip einer Solidarischen Landwirtschaft?

Bei der solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) schließen sich Konsument*innen und Produzent*innen zusammen. Für mindestens ein Jahr bezahlen die Konsument*innen einen monatlichen Beitrag und bekommen dafür wöchentlich bestimmte Nahrungsmittel – in unserem Fall Gemüse. Der Beitrag ist fest, egal wie viel Gemüse kommt, dadurch haben die Produzent*innen das ganze Jahr über Sicherheit, was ihre Existenz betrifft. Man teilt sich nicht nur den Ertrag, sondern auch das Risiko und die Verbraucher*innen stehen hinter den Produzent*innen, egal was passiert. Sie werden so zu Prosument*innen – die Grenze zwischen Produzierenden und Konsumierenden wird verwischt und es wird eine Beziehung geschaffen.

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Die Mitglieder sollen auch aktiv mitgestalten: Idealerweise kommen sie regelmäßig und helfen auf dem Hof mit. Zudem gibt es solidarische Landwirtschaften, bei denen  die Solidarität auch unter den Mitgliedern praktiziert wird: Manche zahlen mehr und machen dadurch Geringverdienenden die Teilnahme möglich. So handhaben wir das auch.

Bei unserer Anbaumethode wird auf sehr kleiner Fläche sehr viel produziert – viel mehr als auf der gleichen Fläche bei konventionellen Landwirtschaften. Wir sehen unseren Hof als Modell für eine neue Form der Landwirtschaft, die kleinstrukturiert und ressourcenschonend ist. Bei vielen SoLaWis besteht zudem ein Ziel darin, ohne fossile Energie zu wirtschaften. Wir, zum Beispiel, wollen komplett wegkommen von Traktoren und erdölverbrauchenden Maschinen.

Was waren eure Beweggründe eine SoLaWi aufzubauen?

Hendrik, mein Partner, fing damit an. Nachdem er die Freie Ausbildung gemacht und dann in verschiedenen solidarisch wirtschaftenden Betrieben gearbeitet hatte, wollte er sich selbstständig machen. Für ihn war das die einzige Option. Er wusste, dass es schwierig wird und man als Selbstständiger in der Landwirtschaft eigentlich nur auf diese Art von Null anfangen kann. Bei anderen Formen des Landwirtschaftens braucht man ein viel höheres Startguthaben.

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Und bei mir war der Background, dass ich die solidarische Landwirtschaftsweise kannte und erstmal einfach dachte, dass ich das Prinzip total cool finde. Ich hatte Forstwirtschaft im Bachelor und Landschaftsökologie im Master studiert und fing gerade an Bewerbungen zu schreiben. Dabei dachte ich mir dann aber: „Dann sitz ich halt viel im Büro und bin all den Marktmechanismen und Zwängen unterworfen, die ich gar nicht gut finde – ist es wirklich das, was ich machen möchte?“ Dass sich genau dann die SoLaWi entwickelte und Hendrik eine freie Stelle hatte, war perfekt für mich. Ich bin also in das Thema Landwirtschaft erst hineingerutscht.

Die Idee hinter der Solidarischen Landwirtschaft ist auch für uns im Laufe der Zeit gewachsen und unsere Überzeugungen haben sich gefestigt. Mittlerweile sehen wir gar keine Alternative mehr – besonders in Bezug auf globale Zusammenhänge. Wir benötigen solidarisches Wirtschaften, um gemeinsam zukunftsfähig zu leben.

Was möchtest du erreichen mit der SoLaWi?

Es ist uns wichtig, dass den Menschen bewusst wird, dass die Preise, die man im Supermarkt oder auch im Bioladen zahlt, nicht die sind, die es braucht, um Lebensmittel zu produzieren ohne dabei großen Schaden anzurichten. Selbst jeder Biohof muss die Kosten drücken, indem er z.B. Saisonarbeiter*innen aus Polen einstellt. Das sind prekäre Arbeitsbedingungen, die es eigentlich nicht geben sollte, die aber auf den meisten Höfen normal sind.

Es bedarf eines Umdenkens bei den Menschen: Hochwertig produzierte Lebensmittel haben ihren Wert. Sie haben es schwer, wenn sie mit einem Auto, einer großen Wohnung und Shopping konkurrieren müssen. Aber Essen ist gleich Leben und vielleicht ist es sogar gut, dass dann weniger Geld für anderes da ist.

Ich finde es toll, dass ich durch meine Arbeit die Ernährungsweise von ca. 200-300 Menschen positiv beeinflusse. Diese Menschen ernähren sich hauptsächlich regional und saisonal mit hochwertigen Lebensmitteln, die umweltschonend produziert wurden.

Bisher stoßen wir mit unserem Modell aber an vielen Stellen an unsere Grenzen, da wir mehr Geringverdiener*innen haben, als gut situierte Menschen, die mehr zahlen können. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht und es wird noch nicht der Preis bezahlt, den es zum Produzieren braucht. Wir müssen schauen, wie wir das in Zukunft gestalten, damit es fair ist – auch uns gegenüber. Das ist mein Ziel.

Was glaubst du, warum Menschen sich für die SoLaWi entscheiden?

Ich glaube der Klassiker sind diese ganzen Lebensmittelskandale. Leute merken, dass sie dem Angebot im Supermarkt nicht mehr vertrauen können und möchten wissen, wie ihre Nahrungsmittel produziert werden. Sie wollen dem*der Produzierenden vertrauen. Das ist ein Punkt. Dazu kommt die Bewusstwerdung über globale Krisen, den Klimawandel, Umweltverschmutzung und Artensterben – es wird klar, dass das alles nicht so weitergehen kann. Die Menschen wollen Alternativen.

Ihr betreibt hier auf dem Gärtnerhof sogenanntes Market-Gardening – was genau ist das?

Market-Gardening ist eine kleinstrukturierte Form des Gemüseanbaus. Charakteristisch dafür ist eine hohe Kultur- und Sortenvielfalt auf kleiner Fläche. Statt mit Maschinen wird häufig mit Handgeräten gearbeitet. Außerdem werden permanente Beete angelegt. Es wird auf einer kleinen Fläche viel angebaut, indem man mehrere Kulturen nacheinander auf einem Beet hat. Während der konventionelle Biobauer mit seinem Traktor drüber fährt, Möhren aussät und dann wartet, haben wir in der Zeit schon zwei Kulturen stehen gehabt und geerntet. Diese permanenten Beete werden nicht jedes Jahr neu angelegt und durch die Beetabstände kann man viel in Handarbeit machen.

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Als einzige Maschine wird der Einachser verwendet, ein sogenannter ‚Walkbehind-Traktor‘, den man ähnlich wie eine Schubkarre vor sich her schiebt, und sonst viele Handgeräte. Das gab es alles schon früher, aber es wird jetzt neu ins Leben gerufen, um eine Landwirtschaft zu ermöglichen, die nicht auf fossilen Energieträgern basiert.

Inwiefern ist nationale und EU-Politik für das, was ihr macht, förderlich oder hinderlich?

EU-Subventionen haben viele strenge Auflagen, die es für uns komplizierter machen würden unseren Hof frei zu gestalten. Durch das Modell des solidarischen Wirtschaftens haben wir das ganz elegant gelöst, da wir einen festen Absatzmarkt haben. Auch aus ideellen Gründen möchten wir keine EU-Gelder annehmen, selbst wenn es uns helfen würde, da wir wissen, dass diese Gelder zu vielen Problemen führen. 70% der Subventionen der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) fließen in die größten oder die stärksten Betriebe in Europa – also an die, die sowieso schon genug Geld haben und damit z.B. die Bodenspekulation fördern. Nur 30 % fließen in kleinere Projekte. Diese EU-Gelder existieren, um der Landwirtschaft zu helfen, aber kleinbäuerliche Strukturen werden insbesondere durch die Direktzahlungen an die größten Betriebe zerstört. Das ist wirklich unglaublich. Wir wollen ein Modell entwickeln, was von diesen Förderungen unabhängig ist.

Fühlt ihr euch als Teil einer internationalen oder globalen Bewegung für Ernährungssouveränität und solidarische sowie lokale Nahrungsmittelproduktion?

Wir sehen uns auf jeden Fall als Teil dieser Bewegung. Wir sind eine Graswurzelbewegung, die diesen klein strukturierten, sehr produktiven Anbau verwirklicht und merken, dass enormes Interesse daran besteht. Der NDR war hier und die Süddeutsche Zeitung hat vor kurzem Hendrik zum Market-Gardening befragt. Die Leute finden das toll, besonders, weil wir jung sind und den Wandel beginnen. Das kommt gut an.

Ist das Arbeiten in der SoLaWi für dich eine Gesellschaftskritik?

Auf jeden Fall.

Was genau bedeutet für dich Solidarität?

Für mich war das Wort früher negativ behaftet. Meine Eltern kommen aus Ostdeutschland und bei ihnen führt dieses Wort zu Unbehagen, weil das gleich mit Kommunismus in Verbindung gebracht wird. Das hat sich am Anfang auch auf mich übertragen. Genauso wie Genoss*innen, was in der Genossenschaft als Ansprache einfach verwendet wird. Das löste bei mir ein komisches Gefühl aus. Außerdem klingt der Begriff für viele eher nach einer Bürde und zu großer Verantwortung für andere. Ich glaube, dass wir das verlernt haben.

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Wir haben tatsächlich zeitweise überlegt, ob wir statt Solidarischer Landwirtschaft lieber gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft heißen wollen – vom englischen ‚Community Supported Agriculture‘. Ich fand das Wort gemeinschaftsgetragen schöner und für mich eigentlich auch passender als solidarisch. Aber aus unserer Gemeinschaft kam daraufhin der Einspruch, dass Solidarische Landwirtschaft ein feststehender Begriff sei, den die Mitglieder gerne beibehalten möchten.

Mittlerweile habe ich auch ein anderes Empfinden, wenn ich das Wort Solidarität höre. Jetzt denke ich, dass, wenn man von der Imperialen Lebensweise weg und aus dem kapitalistischen System herauskommen möchte, Solidarität der einzige Weg ist, vielleicht auch gerade mit dieser gewissen Schwere, Verantwortung und Bindung, die bei diesem Wort mitschwingt.

Für mich bedeutet es, dass man gegenseitig Verantwortung übernimmt und dass die menschliche Interaktion wieder in den Fokus rückt.

Heutzutage ist es ja so, dass der Fokus in allen Bereichen, wie z.B. in der Kinder- oder Altenversorgung auf dem Warenaustausch liegt: ‚Hier kriegst du meine alten Eltern und ich gebe dir dafür Geld.‘ Dass aber wieder die Fürsorge für einander in den Fokus rückt, das ist für mich die solidarische Lebensweise. Wir müssen verstehen, dass dieses kapitalistische System allen schadet. Es schadet uns und unserer Umwelt und wir können so nicht weitermachen.

Wo hilft euch die Gemeinschaft? Wo spürt ihr Solidarität?

Der Multiplikator*inneneffekt funktioniert super. Zu Werbeveranstaltungen, die wir organisiert haben, kamen immer sehr wenig Leute. Aber über persönliche Kontakte haben wir viele Mitglieder dazu gewonnen, was toll für uns ist.
Auch zu Arbeitspeaks Menschen da zu haben, ist für uns sehr hilfreich. Jedes Mal, wenn wir Gemeinschaftsaktionen gemacht haben, haben wir gedacht: „Wow! Jetzt haben wir richtig was weggeschafft! Das ist super!“.

Was ist deine persönliche Motivation, dein Antrieb?

Umweltschutz. Ich sehe, wie viel verkehrt läuft. Wenn ich hier im Dorf die Straße hochlaufe, habe ich jedes Mal Beklemmungen, weil ich rechts und links nur Monokulturen sehe. Riesige Felder, nur kleine Knicks dazwischen.

Wenn ich sehe, was in der Landschaft für eine Einöde existiert, dann ist es mein persönliches Anliegen, mehr Vielfalt, mehr Tiere und Pflanzen zurückzubringen und zu schützen. Ich habe ein starkes Bedürfnis nach Regeneration.

Und was ich bei uns auf dem Hof sehe ist erstaunlich. In einem kleinen Regenauffangbecken neben uns, haben wir einen Eisvogel und letztes Jahr Waldohreulen, die da gebrütet haben, zudem Kuckuck und Specht. Das ist so ein winziges Stück Erde, was so viel Vielfalt hervorbringt. Das Potenzial ist da, man muss es halt nur wiederbeleben. Ich sehe in der Arbeit in der SoLaWi sehr viel Gestaltungs- und Aufklärungspotenzial. Mein Wunsch ist es, den Naturschutzaspekt mit der Landwirtschaft zu verbinden und so etwas zu verändern.

Die SoLaWi bedeutet extrem viel Arbeit und auch großen psychischen Druck, weil ihr all diese Menschen versorgen müsst und sie sich auf euch verlassen. Wie rechtfertigst du vor dir selber, dass du dich so einem Druck aussetzt, obwohl du es dir auch leichter machen könntest?

Das ist Idealismus. Ich möchte was verändern in der Welt und habe hier die Möglichkeit. Mit der SoLaWi haben wir auch die hundertacht und die FoodCoop Soleiko in Flensburg ins Leben gerufen. Diese Initiativen sind total tolle Entwicklungen, haben viel Zukunftspotenzial und das ist eine ganz große Motivation für mich, weiterzumachen, auch wenn das sehr anstrengend ist.

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Was hast du dazu gelernt, im Laufe der letzten Jahre – über die Welt und das Leben?

Ich hab ein bisschen Hoffnung bekommen. Es passiert was. Während ich vorher verzweifelt darüber war, dass nichts passiert, gibt es jetzt z.B. Fridays for Future oder euren Studiengang [Transformationsstudien]. Auf der anderen Seite wird alles schlimmer. Ich hab Hoffnung bekommen und gleichzeitig nimmt meine Angst auch zu, dass wir jetzt wirklich an einem Wendepunkt stehen. Wir können die eine oder die andere Richtung einschlagen: Die eine bedeutet bessere Lebensbedingungen als jetzt – weniger Autos, mehr soziales Miteinander, eine intakte Umwelt. Die andere bedeutet eine Zunahme der Bedrohung durch den Klimawandel und immer weniger Zeit es aufzuhalten: Weniger Autos, mehr soziales Miteinander, wieder mehr Reden. Die andere bedeutet eine Zunahme der Bedrohung durch den Klimawandel und immer weniger Zeit. Das wird mir immer mehr bewusst.

Wie sieht für dich die perfekte Utopie aus?

[lacht] Oh Gott, oh Gott. Eine Welt, in der das gute Leben für alle möglich ist. Eine Welt, in der wir die Imperiale Lebensweise aufgegeben und eingetauscht haben gegen solidarische Lebensweisen. Eine Welt, in der die Menschen Fahrrad fahren, mehr Zeit haben für Familie und Freunde, weniger arbeiten müssen, in der wir im Einklang mit der Natur leben – soweit das möglich ist. Keine Autos, mehr Naturschutz, weniger Konsum.


Lea_Svenja_ProfilDas Interview wurde von Lea und Svenja geführt, die schwarz-weißen Fotos stammen ebenfalls von Svenja. Die weiteren Bilder des Gärtnerhofes in diesem Artikel sind im letzten Sommer in Wanderup entstanden. Wir bedanken uns dafür ganz herzlich bei Karsten Bahnsen.

Am Donnerstag, den 13. Juni 2019 wird Judith Oeltze auf Einladung des Transformativen Denk- und Machwerkes in der Bergmühle in Flensburg über die Gemeinsame Agrarpolitik der EU sowie Alternativen zur konventionellen Landwirtschaft sprechen. Einlass ist ab 19:00 Uhr. Die Veranstaltung ist kostenfrei, es wird jedoch um Spenden gebeten.

Und wer jetzt Lust hat, der Solidarischen Landwirtschaft in Wanderup bei Flensburg beizutreten, sei herzlich eingeladen. Judith und Hendrik freuen sich über eure Fragen und neue Mitglieder.

Posted by:transitioneer

3 Antworten auf „„Wir müssen verstehen, dass das kapitalistische System allen schadet.“ – Interview mit Judith Oeltze vom Gärtnerhof Wanderup

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