Solidarität ist das Thema vom Juni. Soweit so gut. Beim Brainstorming zu diesem Wort in der Redaktionssitzung haben wir schnell gemerkt, dass es schon unter uns neun Redakteurinnen am Tisch, viele unterschiedliche Wahrnehmungen und Assoziationen mit dem Begriff und seinen Bedeutungen gab. Wir haben lange über persönliche Erlebnisse und auf verschiedenen Metaebenen gesprochen und dabei festgestellt: Es gibt großen Redebedarf. Viele Fragen blieben während unserer ersten Runde natürlich ungeklärt, was gar nicht schlimm war. Im Gegenteil: Ich konnte seit der Sitzung nicht aufhören, wie wild über einige dieser Fragen nachzudenken.

Was ist eigentlich diese Solidarität, über die alle sprechen?

Im Duden, dem deutschen Klassiker der Nachschlagewerke, ist Solidarität ziemlich simpel definiert als das “unbedingte Zusammenhalten mit jemandem, aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele”. Begriffe, die synonym verwendet werden können, kamen uns auch bei der Redaktionssitzung in den Sinn: Gemeinschaft, Zusammenhalt, Bindung und Geistesverwandtschaft. Unsere Assoziationen führten uns aber weiter zu emotionalen Worten wie Empathie, Mitleid, Mut, Scham und Hilfsbereitschaft.

Soli-Mate im Glas, Soli-Brot in der Tüte, Soli-Partys am Wochenende und Gemüse aus der SoLaWi – der Begriff hat sich in das alltägliche Vokabular von mir und vieler meiner Freund*innen geschlichen. Irgendwie weiß ich schon, was in diesen Fällen mit Solidarität gemeint ist. Aber irgendwie auch nicht.
Wenn ich das Wort in diesen Zusammenhängen lese, höre und ausspreche, bedeutet es für mich nicht immer das gleiche. Trotzdem denke ich meistens nicht viel darüber nach und handle einfach, als wäre die solidarische Komponente eine Nebensache, und die Bedeutung eindeutig. Ich glaube daran, dass verschiedene Arten von Solidarität existieren, die unterschiedliche, kontext-spezifische Bedeutungen haben, die relevant und wichtig sind. Deshalb ist es meiner Meinung nach bedenklich, wenn Solidarität in meiner Wahrnehmung so sehr zu einem Alltagsbegriff wird, dass ich so den Bezug zu den konkreten Bedeutungen verliere.

Und tatsächlich: Solidarität scheint zum Buzzwort geworden zu sein. Ein gutes Beispiel ist das Phänomen der ‚Netzsolidarität‘, das nicht mehr nur Einzelfälle beschreibt. Es kommt mir vor, als könnte ich jeden Tag einen Solidaritäts-Aufruf lesen. In Schlagzeilen großer Tageszeitungen, auf Twitter, Facebook und in Instagram-Storys. Wenn auf der Welt ein Leid passiert, wird das Netz mit Einträgen in sozialen Medien, inklusive entsprechender Hashtags überflutet. Einen tollen Überblick über die Ambivalenz von ‘Netzsolidarität’ gibt es hier.

Zuerst einmal kann ich durchaus nachvollziehen, dass die sozialen Medien Kommunikations- und Partizipationswege für viele Menschen eröffnen. Dort fühlt es sich ganz natürlich an, auf diese Weise Mitgefühl oder Entsetzen auszudrücken. Auch ich selbst habe manchmal das Bedürfnis mich auf diese Art und Weise mitzuteilen. Aber ist es nicht genau das – einfach nur Mitgefühl und Entsetzen? Zählt das öffentliche Trauern um die Kathedrale Notre Dame bereits als solidarisch oder muss auch eine Spende damit verbunden sein? Reicht eine Spende wiederum, um sich solidarisch zu zeigen oder ist sie nicht auch nur ein Pflaster für das schlechte Gewissen sich nicht mehr zu engagieren? Und wenn ja, wer ist eigentlich der Adressat dieser Solidarität? Die Pariser, die Franzosen, die Gläubigen oder die ganze Welt?

Also: Wem gegenüber solidarisiere ich mich eigentlich?

Es erscheint mir wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen, wer mit unserer Solidarität gemeint ist, damit uns bewusst wird, wer ausgeschlossen bleibt. In den industriellen Staaten Europas ist Solidarität historisch besonders verbunden mit Klassenkämpfen. Sie wurde stark geprägt durch die Arbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts, als sich die Arbeiter*innen in solidarischen Vereinigungen verbündeten, um sich gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Wer sich heute solidarisch gegenüber Arbeiter*innen ausspricht, muss aber auch nicht weiße Menschen, auch nicht männliche Arbeiter*innen mit einbeziehen und auch die, die nicht in Deutschland leben und arbeiten.

So sah mein Visionboard während des Schreibens aus.

Wer bei Solidarität innerhalb der Frauenbewegung keinen Raum für queere, non-binary, poc und Trans*Frauen hat, der kann es von mir aus direkt bleiben lassen. Denn exklusive Solidarität erschafft und reproduziert auch exklusive Gemeinschaften. Beispielsweise wenn rechte Gruppen sich nur mit Personen solidarisieren, die dieselbe Nationalität oder Religion haben wie sie. Solidarität hat für mich etwas mit fast bedingungslosem Zusammenhalt zu tun. Nach dem Motto: Wir haben ein gemeinsames Ziel oder Problem, das uns trotz aller Individualität vereint und deshalb wird niemand zurückgelassen.
Apropos Exklusivität und Zurücklassen – was ist eigentlich mit Solidarität gegenüber Tieren? Das ist etwas, das Tierschutzorganisationen wie z.B. Animals Angels schon lange fordern. Und mir erscheint das auch als ein Konzept, von dem alle Lebewesen profitieren könnten, oder?

Wann und wie handle ich denn nun solidarisch?

Sich zu solidarisieren bedeutet in erster Linie politisch Position zu beziehen. Das ist nicht immer bequem (#unbequem), denn dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien. Insbesondere, weil solidarische Handlungen oft von denen initiiert werden, die marginalisiert oder unterdrückt werden, die sozial schlechter gestellt und deshalb auf solidarische Praktiken angewiesen sind. Viele Gerechtigkeitsbewegungen und politische Emanzipationsprozesse gehen zuerst von den am meisten Betroffenen aus und starten eben nicht mit dem Einsatz der Privilegierten für die “Schwächeren”. Meistens solidarisieren sich zunächst andere Minderheiten mit denen von Unrecht oder Unglück betroffenen, bevor es die breitere Öffentlichkeit tut. So unterstützte die heterosexuelle Frauenrechtlerin Helene Stöcker Anfang des 20. Jahrhunderts die Dekriminalisierung männlicher Homosexualität in Deutschland. Und die LGBTQ-Befreiungsbewegung der 1960er in den USA wurde ausgelöst durch den Aktivismus von Menschen wie Martha P. Johnson – eine afroamerikanische Drag Queen.
Wenn ich nicht zu den Betroffenen gehöre, finde ich es problematisch, mich nur aus Schuldgefühlen heraus zu solidarisieren. Aber wenn ich als Teil der Nicht-Betroffenen meine eigene Mitverantwortung erkenne, dann kann und sollte ich durch solidarisches Handeln, soziale und politische Kämpfe unterstützen. – Gerade weil ich durch das Privileg des Nichtbetroffenseins in der Lage dazu bin.

Wie sieht also Solidarität in der Praxis aus?

Wie eine solidarische Praxis auszusehen hat ist, meiner Meinung nach, die Master-Frage. Dass ein spontaner Tweet alleine niemandem so richtig etwas bringt, ist einleuchtend. Wenn jedoch durch Netzsolidarität einem Thema mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als vorher, könnte der entstehende Diskurs möglicherweise positive Folgen haben – jedenfalls in der Theorie. Ich glaube, dass solidarisches Handeln sich besonders durch Langfristigkeit auszeichnet. Es reicht eben nicht nur einen Tag lang die eigene Anteilnahme – online oder offline – auszudrücken. Stattdessen muss die Bereitschaft da sein, für einen längeren Zeitraum Anderen die eigene Unterstützung zur Verfügung zu stellen, natürlich angepasst an die eigenen Möglichkeiten. Aus diesem Grund finde ich Initiativen wie Solidrinks absolut in Ordnung, wenn die Erlöse daraus langfristige Projekte fördern und diese nicht ständig wechseln. Wenn ich es dann schaffe, Solidarität aus der passiven Wahrnehmung herauszuholen und bewusst zum Teil meines Alltages zu machen, dann sehe ich darin das Potential, mich grundsätzlich solidarischer zu verhalten. Vorsicht Kitsch: Am Ende sind wir nur gemeinsam stark.

Die Transparente auf den Fotos wurden in Zusammenhang mit einer Spenden Aktion für Mare Liberum e.V. gemalt. Die Aktion war eine Reaktion der Student*innen auf die Einladung eines AFD Politikers zu einer Podiumsdiskussion an der EUF. Danke an Jana für die Fotos!

Posted by:Emely Pieper

2 Antworten auf „Solidarität – Nur solange der Vorrat reicht

  1. Hallo Emily,
    vielen Dank für deinen interssanten Artikel, der auch mich zum Nachdenken über Solidarität anregt. Viele deiner Ansichten teile ich. Zwei Abweichungen, wobei ich nicht meine, dass mein Empfinden hier das“Richtige“wäre:
    – für mich ist Solidarität nicht an politische Positionen gebunden. Jedwedes Zusammenhalten, auch z.B. wirtschaftliches oder gesellschaftliches, ist solidarisch.
    – auch kurzfristige Aktionen können solidarisch sein. Wenn ich einem Ausländer kurz mal in der S-Bahn beistehe, ist das doch auch solidarisches Handeln?
    Schöne Grüße
    Matthias

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    1. Hallo Matthias,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Schön, dass Dich mein Artikel zum Nachdenken angeregt hat!

      Natürlich muss Solidarität nicht grundsätzlich immer an eine konkrete politische Position gebunden sein. Wie Du schon sagst, kann jede Form des Zusammenhalten als solidarisch angesehen werden. Es könnte auch spannend sein sich damit weiter auseinanderzusetzen, wenn man sich z.B. die Frage stellt wer wirtschaftlich / gesellschaftlich zusammenhält und warum. Ich glaube, Solidarität kann auch einfach von außen als politische Position wahrgenommen werden. Also ohne, dass die Akteur*innen aktiv vor hatten, bei ihrem solidarischen Handeln politisch Position zu ziehen.

      Definitiv ist das Beistehen in der S-Bahn eine Form von solidarischem Handeln, auch wenn es eine kurzfristige Aktion ist. Trotzdem finde ich es irgendwie wichtig, die Langfristigkeit zu betonen. Denn eine einzelne solidarische Handlung reicht nicht aus, um das Problem zu bekämpfen. Für mich zeichnet sich Solidarität dadurch aus, dass sie eben nicht kommt und geht, sondern das man sich darauf verlassen kann. Aber genau, dass bedeutet nicht, dass spontane, einzelne Handlungen nicht auch solidarisch sind. Interessanter Gedanke!

      Liebe Grüße
      Emely

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