Im April haben wir uns mit dem freischaffenden Regisseur Ron Zimmering über dokumentarisches Theater, Verantwortung und die Zukunft unterhalten. Bei einer Tasse Kaffee bei ihm zuhause auf St. Pauli haben wir herausgefunden, was ihn antreibt transformative und sozialkritische Kunst zu machen.

Ron arbeitet gerade zusammen mit dem Graffitimuseum und Studierenden der Europa Universität Flensburg an einer Produktion am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg. Wir sind selbst in das Projekt „Hamburger Menetekel – Ein futurologischer Kongress“ involviert und eins können wir schon jetzt verraten: Es wird ein Theater-Spektakel, das es in sich hat.

Das Projekt vereint viele verschiedene Dimensionen: In einer breit angelegten Forschungsarbeit zur Zukunft Hamburgs deuteten Schüler*innen aus sieben Hamburger Stadtbezirken im vergangenen Jahr die Zeichen an den Wänden, wie es schon in der Bibel geschrieben steht. Die Graffiti in der ganzen Stadt erzählten ihnen Geschichten von gravierenden Veränderungen, die auf uns zukommen. Es zeichneten sich sieben schreckliche Zukunftsszenarien ab – von der Klimakrise, über Antibiotikaresistenz bis hin zur automatisierten Waffengewalt. Zusammen mit hochkarätigen Wissenschaftler*innen der jeweiligen Fachgebiete und Organisationen, wie dem Club of Rome und dem World Future Council, wurden die Themen aufbereitet und in dem Stück konzeptualisiert. Innerhalb der Inszenierung, die jeweils am 24., 25. und 26. Mai zu sehen sein wird, kommen all diese Fäden zusammen und das Publikum wird in die Welt des Hellsehens hineingesogen und zu einem Teil der Aushandlung um die Gestaltung der Zukunft.


Ron, wie bist du darauf gekommen dieses Projekt zu verwirklichen?

Die Grundidee – die Bibelgeschichte als Aufhänger zu nehmen – geht auf das Grafittimuseum in Berlin zurück. Es ist eine Wahnsinnsidee den König, dem die Schrift an der Wand erscheint, mit den Graffiti von heute zu verbinden und dann zu fragen, ob es möglich ist, aus den Graffiti die Zukunft zu lesen und damit über ernsthafte Themen zu reden. Christian Tschirner, unser Dramaturg, hatte mich damals mit denen vom Graffitimuseum verkuppelt und ich fand es von Anfang an aufregend, Sachen zu vereinen, die erstmal überhaupt nicht zusammengehören: Graffiti, Oper, Zukunftsthemen. Ich dachte: Geil, da will ich mitmachen. Das ist mein Ding.

Ich glaube Christian hat mich auch angesprochen, da sich fast alle meine Regiearbeiten dadurch auszeichnen, dass ich versuche, klassischen Stoff mit dokumentarischen Elementen zu verbinden. Ich habe beispielsweise einmal ausgehend von König Lear und den Tagebüchern meiner dementen Großmutter mit sieben Senioren ein Projekt zum Thema Demenz gemacht. Darin wurden die Ängste und Erfahrungen dieser Senioren thematisiert und sie konnten über ihre eigenen Erfahrungen sprechen.

Warum reizt dich dieses Dokumentarische so?

Ich habe sechs Jahre als Schauspieler gearbeitet und mich haben damals die Arbeiten vom Rimini-Protokoll in den Bann gezogen, weil sie sich in einer ganz anderen Form mit Wirklichkeit auseinandersetzen. Man kommt aus diesem Elfenbeinturm raus und macht nicht zum hundertsten Mal sein Stück und hält die eigene Hochkultur hoch. Stattdessen fängt man an, Elemente aus der Wirklichkeit mit einzubeziehen. Dadurch kriegt es für mich eine große Relevanz. Nicht, dass nicht-dokumentarische Arbeiten nicht auch relevant sind. Schließlich kann ich natürlich auch gerade in dieser alten Geschichte einen Spiegel zu heute finden. Aber wenn ich diese Senioren auf der Bühne sehe, die mir über ihre eigene Angst erzählen, Demenz zu bekommen, das ergreift mich – das berührt mich.

Hast du denn eine gewisse Erwartung oder Hoffnung, was die Inszenierung des Hamburger Menetekels bringen wird?

Ich finde das Besondere an dem Projekt ist, dass wir sehr Unterschiedliches zusammenbringen. Ich glaube in dieser Form gibt es das selten. Es gibt Fachkongresse, Kunst, Schülerprojekte oder Veranstaltungen für Studierende. Aber was wir hier vorhaben, ist ganz unterschiedliche Menschen, Institutionen, Fachbereiche, Sparten für eine gemeinsame Sache zusammenzubringen – damit sie über Zukunft nachdenken. Irgendwie ist es Theater und Kunst, irgendwie verrückt, vielleicht auch ein bisschen Balla-Balla aber gleichzeitig ist es getragen von hochkarätigen Expertinnen und Experten und natürlich auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen sieben Themen.

Ich glaube, dass man gerade durch die Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Partizipation – das sind für mich die drei großen Elemente – diese Themen ganz anders sinnlich erlebbar machen kann. Mit so einem künstlerischen Aufhänger können Möglichkeitsräume geschaffen werden.

Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen gerade auf Themen wie den Klimawandel mit einem gewissen Überdruss reagieren. Ich glaube, dass man mit einem theatralischen und spielerischen Weg noch einmal ganz anders auf diese Themen zugehen und sie anders sinnlich erfahren kann. Das ist, glaube ich, das Besondere, was Kunst kann. Und ich würde sagen, das ist das große Potenzial dieses Projekt, das ich mir erhoffe.

Also siehst du besonderes transformatives Potenzial in der interaktiven Form von Kunst, die du machst?

Ja, klar! Einerseits kann man sagen ‚Klar, Kunst reflektiert, aber verändert gar nicht‘. Aber meine Hoffnung ist schon, dass wir Impulse setzen, dass die Vernetzungen dieser unterschiedlichen Partner nachhaltig sind und dass sich Sachen in Bewegung setzen. Ich habe erlebt, dass das immer wieder passiert. Und natürlich ist meine Arbeit nicht in erster Linie aktivistisch, aber mit einem künstlerischen Prozess etwas anzustoßen, das ist, was im besten Fall gelingt.

Ja und … [überlegt lange ] Sinnstiftung. Es ist natürlich ein irrer Aufwand. Ich arbeite jetzt anderthalb Jahre an diesem Projekt und es gibt so viele Menschen, die dort so viel Zeit und Energie, zu großen Teilen unbezahlt und ehrenamtlich, reinstecken. Das ist eigentlich totaler Wahnsinn! Es ist so wie eine Silvesterrakete: Unglaublich teuer und dann schießt man sie an drei Tagen hoch und dann gibt es einmal so ein ‚Ahhhhh‘ und danach ist sie wieder weg. Für dieses eine ‚Ahhhh‘ macht man diesen ganzen Wahnsinn und das ist völlig unverhältnismäßig. Und gleichzeitig ist es trotzdem ein Wunder. Weil eben Menschen zusammenkommen und versuchen gemeinsam etwas auf die Bühne zu bringen – das finde ich anrührend.
Warum machen wir das? Weil wir versuchen für uns zu klären:
‚Warum sind wir auf der Welt?‚ – Das ist eine der übergeordneten Fragen, die wir versuchen in künstlerischen Prozessen zu erfahren. Im besten Fall potenziert so eine Theateraufführung Lebenssinn oder Lebensglück. Das ist das Beste, was passieren kann.

Hast du während des Prozesse denn selbst auch etwas gelernt? Hast du das Gefühl, dass es dich bereichert hat?

Also diese ganz unterschiedlichen Menschen kennenzulernen, das ist für mich sehr bereichernd. Dann ist es für mich auch das erste Mal und etwas ganz Besonderes, in einem kollektiven Team zu arbeiten. Ich bin die künstlerische Leitung, zusammen mit dem Graffitimuseum. Und Christian Tschirner ist auch ganz maßgeblicher Gestalter dieses Projekts. Das ist manchmal natürlich anstrengend und herausfordernd, aber im Endeffekt finde ich es auch total bereichernd.

[überlegt lange] Zudem ist es so ein Riesenprojekt, was man gar nicht mehr von oben steuern oder kontrollieren kann. Das ist eigentlich das Anliegen, dass sich das Projekt dynamisiert und plötzlich verselbstständigt: Auf einmal gibt es Sticker und Anträge und offene Briefe und Instagram und alle machen irgendwas. Oft gibt es dieses Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst und ich denke ‚Oh Gott, kriegt man das überhaupt noch irgendwie zusammen? Geht das in dieselbe Richtung?‘ Und das ist aber, finde ich, das Besondere an diesem Projekt, dass es eine Schwarmintelligenz hat, die das Ganze trägt.

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Ron und Philipp (Choreograph) beim Proben mit den Schüler*innen. Foto von Miriam Endrulat.
Du übernimmst ja tierisch viel Verantwortung dabei – wie kommst du dazu, dir das selbst abzuverlangen? Wie rechtfertigst du vor dir selbst, so viel Verantwortung zu tragen, dich so herauszufordern und dich ja auch teilweise auszubeuten?

Es ist ein innerer Antrieb. Es ist vielleicht auch so eine innere Hybris, so ein Größenwahn, der mich antreibt, das Unmögliche möglich zu machen. Das hat mich schon immer im Leben irgendwie angetrieben: Aufgaben, bei denen alle sagen ‚Das ist unmöglich‘ und ich denke: ‚Das mache ich jetzt.‘

Dann finde ich, dass Verantwortung natürlich auch Einfluss ist, sprich, ich kann auch gestalten. Es gibt mir so eine innere Befriedigung und ich habe das Gefühl, dass ich es auch gut kann – etwas aufzubauen, Menschen zusammenzubringen, zu begeistern und für eine gemeinsame Sache anzustiften, etwas zu machen, was sie vorher nie gedacht hätten. Ich würde sogar sagen, das ist die Überschrift des ganzen Projekts: Begegnung zu inszenieren. Das empfinde ich als sinnstiftend. So ging es mir auch beim Applaus meines letzten Stückes: Man ist ja dann als Regisseur irgendwann wie unsichtbar, ich empfinde es aber als total befriedigend, dass die Laienschauspieler am Ende da rauskommen und das Publikum klatscht und ich denke ‚Hey die sind total gut und in diesem Jahr immens gewachsen‘. Dann merke ich, wie dieses Stück deren Leben verändert hat. Es ist ein tolles Gefühl, ein Teil davon gewesen zu sein. Verantwortung ist eine Last, aber Verantwortung fühlt sich irgendwie auch gut an, weil man etwas trägt, eine Aufgabe und dadurch Sinn hat. Wenn ich Null Verantwortung habe, dann ist es auch egal, ob es mich gibt oder nicht gibt.

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Ron vor dem Schauspielhaus Hamburg. Foto von Emely Pieper.
Du machst sehr sozialkritisches Theater, das mit gesellschaftlichen und transformativen Themen zu tun hat – wenn du etwas kommerzielles machen würdest, was würde dir dann fehlen? Warum hast du dich dagegen entschieden?

Also da wäre die Frage, was ist kommerzielles Theater? Das wäre für mich Musical, weil es extrem perfektioniert ist – perfekte Unterhaltung. Davor habe ich auch eine Ehrfurcht, finde es faszinierend. Aber ich habe in mir nicht so einen Zwang, dass ich gesellschaftskritische Sachen machen muss und kommerzielle Sachen verabscheue, sondern für mich geht das eigentlich zusammen. Ich finde das bei Shakespeare genial, dass er es schafft, in ein Theater alle gesellschaftlichen Gruppen reinzubekommen: Von der Königin bis zum Arbeiter. In dem Stück geht es erst um die ganz großen menschlichen Themen und dann treten zwei Clowns auf und machen totalen Quatsch und der ganze Saal lacht sich kaputt, und danach kommen der König und Hamlet und es geht wieder um ein ganz krasses Thema. Für mich gibt es da gar nicht diese Unterscheidung zwischen kommerziell und nicht-kommerziell. Ich finde, dass Theater natürlich auch unterhalten soll und es muss Lust und Spaß machen.

Machst du dir manchmal Gedanken darüber, wie politisch Kunst eigentlich sein darf? Besteht denn zwischen Kunst, Politik und auch Normativität eine Trennung oder eine Grenze, die man eigentlich nicht überschreiten darf?

Also ich finde, Theater ist immer politisch und muss auch immer politisch sein. Ich muss an meinen Großvater denken – der war Kommunist, Jude, und musste, als er 20 war, Deutschland verlassen. Die älteren Brüder haben Sabotage-Aktionen gemacht, z.B. Weichen mit Beton zugegossen und er konnte immer nicht so schnell vor der Polizei wegrennen, weil er Asthma hatte. Also hat er gesagt ‚Okay, ich will etwas gegen den Nationalsozialismus tun, was kann ich machen? Ich könnte schreiben.‘ Und er hat angefangen, politische Gedichte zu schreiben, war später in der DDR einer der bekanntesten Schriftstelle, wurde in 36 Sprachen übersetzt und hat natürlich extrem politisch gedacht. Das kam aus diesem Impetus ‚Ich will die Welt verändern und dafür nehme ich den Stift in die Hand.‘

Und heute, so mein Gefühl, ist es genau umgekehrt: Ich sage ‚Ich will Schauspieler oder Regisseur werden‘ und überlege danach: ‚Scheiße, worum soll es eigentlich gehen? Es muss irgendwas Gesellschaftliches sein, was könnte es denn sein?‘

Mein Großvater schreibt in einem Tagebucheintrag, dass ihm vom Westen vorgeworfen wurde, dass er Dichter im Dienst dieser Ideologie sei. Er sagt dazu: ‚Wie soll man künstlerisch schaffen, ohne an einem politischen Prozess teilzuhaben, ohne eine Haltung zu bekennen. Natürlich bin ich Dichter im Dienst meiner Idee und meiner Sache und ich muss mich als Künstler immer irgendwie mit dem da draußen auseinandersetzen.‘ – Ja, und das beschäftigt mich auch. Ich frage mich: Sehe ich das wie mein Großvater, oder sehe ich mich wie eine Art Journalist, der sich rausnimmt und unpolitisch beobachtet. Ich habe das Gefühl, dass sich heute im Theater niemand mehr traut, auf der Bühne eine Haltung zu bekennen, sondern alles reflektiert und dekonstruiert ist – politisch ist irgendwie so ein bisschen out.

[überlegt lange] Ich finde genau das gelingt im Rimini Protokoll so fantastisch: Dass die nie versuchen, politisches Theater zu machen, aber trotzdem immer politisch sind, durch die Themen in ihrem Stück. Das ist für mich ein Vorbild.

Letzte Frage: Hast du Hoffnung für die Welt?

Ich habe Hoffnung für die Welt – na klar! Sonst würde ich ja kein Theater machen.

Trotz der sieben Menetekel? Die Welt geht doch unter!

Ich muss schon zugeben, dass ich durch die Beschäftigung mit diesen Themen schon manchmal denke ‚Oh wow, was kommt da auf uns, was kommt da auf meine Tochter zu?‘ Gleichzeitig denke ich auch, dass der Mensch es immer irgendwie geschafft hat. Ich bin, glaube ich, so ein grund-hoffungsvoller Mensch. Ich bin überzeugt, dass sich Dinge massiv verändern werden und ja, vielleicht steckt darin auch eine große Chance. Von daher ist es wolkig, aber trotzdem dahinten ein Lichtblick.


Lea_Emely

Das Interview wurde von Lea und Emely geführt, die beide selbst beim Hamburger Menetekel mitwirken. Die Fotos von den Graffiti entstanden in Zusammenarbeit mit dem Carl-von-Ossietzky-Gymnasium aus Hamburg.  Vielen Dank dafür!

Posted by:transitioneer

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