Malena und Beata Ernman & Svante und Greta Thunberg
Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima.

Das Buch Szenen aus dem Herzen erschien Ende April im Fischer Verlag. Die schwedische Originalausgabe kam bereits im Spätsommer 2018 heraus. Der Untertitel Unser Leben für das Klima verrät bereits: Es geht um die Geschichte der Familie Thunberg/Ernman – geschrieben aus der Sicht der Mutter. Das Buch ist eine Art biographischer Bericht darüber, wie die Familie aus einer persönlichen Krise heraus ihr Leben umstellt und sich Schritt für Schritt den Herausforderungen anpasst – dabei ist das Private untrennbar mit der globalen Klimakrise verwoben.

In 92 kurzen Kapiteln, die Szenen genannt werden, geht es um die Ereignisse bis zu dem Zeitpunkt, an dem Greta sich im Sommer 2018 dazu entschließt, in den Schulstreik für das Klima zu treten. Diesen hat sie, wie wir inzwischen alle wissen, bis heute nicht aufgegeben und damit weltweite Schüler- und Student*innenstreiks für eine effizientere Klimaschutzpolitik angestoßen. Mehr oder weniger erzählt euch der Klappentext auch nicht, nur etwas pathetischer.

Der Transparenz halber: Wir haben das Buch vom Fischer Verlag kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Allerdings sind die Meinungen, die wir hier vertreten, unsere eigenen.

Emma und Laura besprechen das Buch im Dialog, der einer Telegram-Nachricht entsprungen ist.


Ich glaube du hast Recht, Laura. Das Titelbild ist ziemlich doof und auch der Klappentext triffts einfach nicht, weil darin gar nicht ausgedrückt wird, worum es geht. – Sowohl das Bild von Greta auf der Vorderseite als auch der Text auf der Rückseite “Wer ist Greta Thunberg?” verleiten zu der Annahme, dass es vorrangig um sie als Person geht. Das lässt sofort das doofe Gefühl aufkommen, dass hier ihre Berühmtheit und auch die Asperger-Diagnose finanziell von der eigenen Familie ausgeschlachtet wird. Dabei ist das, glaube ich, tatsächlich nicht das Ziel. Eigentlich unternimmt die Mutter ja den Versuch, eine Art Systemkritik zu schreiben. Und das eben anhand des Beispiels ihrer Familie. Geht dieses Prinzip deiner Meinung nach auf?

Ich finde schon. Im Buch trifft es die Zeile “Unsere Tochter verschwindet in eine Art Dunkelheit und hört quasi auf zu funktionieren.” auf den Punkt. – Dieser eine Satz enthält sämtliche Systemkritik auf Ebene des persönlichen Schicksals: Wir sollen funktionieren und glücklich sein, sonst sind wir in der beschleunigten, durchkapitalisierten Welt nicht zu verwerten. Die Familie verknüpft in ihrer Biographie die Klimakrise mit psychischen Krisen der Gesellschaft. Aus dieser Erkenntnis heraus, entschließt sie sich zu einem Bruch mit ihrem bisherigen Leben: Denn so schnell die Menschen mittlerweile ausbrennen und die fossilen Ressourcen schrumpfen, steigen gleichzeitig die Emissionen, die Profite und die Zahl von Umweltkatastrophen an. Oder glaubst du, sie setzen hier etwas in Verbindung, was nicht verbunden werden kann?

Ich denke schon, Laura, dass genau diese Verbindung endlich verdeutlicht werden muss. Wer das ja auch herausarbeitet ist der Soziologe Hartmut Rosa, wenn er die Beschleunigung, die unser aller Leben so sehr beeinflusst, der Resonanz gegenüberstellt, also der Fähigkeit mit sich selbst und vor allem auch der Umgebung im Einklang zu leben. Seiner Analyse nach ist eines der Hauptprobleme unserer westlichen Gesellschaften, dass wir die Beziehungen zu uns selbst, zu anderen Menschen und auch zur Natur aus dem Blick verloren haben.

Letztendlich ist es vielleicht ganz genau das, was Malena Ernman ausdrücken will, wenn sie in dem Buch verschiedene, scheinbar unverbundenen sogenannte Szenen nebeneinander stellt. Da gibt es solche, in denen sie eben beschreibt, wie schlecht es der Familie geht, aufgrund von unterschiedlichen, psychischen Krankheiten. Und dann gibt es solche Szenen, in denen harte Fakten über den schlechten Zustand unseres Planeten aneinandergereiht werden. Sie versucht darauf zu deuten, dass diesen Problemen ein gemeinsamer Kern zugrunde liegt. An manchen Stellen gelingt das ganz prima. Eine hast du schon genannt, in der es um den Modus des “Funktionierens” geht. Eine andere wäre vielleicht diese:

Das Meereis schmilzt, die Insekten sterben, die Wälder werden abgeholzt, und die Weltmeere und das Ökosystem kollabieren. Genau wie die Menschen um uns herum. Die zugrunde gingen, wie wir es taten. Menschen die immer noch völlig kaputt sind. Wie unsere Freunde.
Diejenigen, die abgehängt wurden.
Diejenigen, die in keine Schablone passten.
Diejenigen, die nicht das Glück hatten, den richtigen Arzt zu finden.

Hier ist der Zusammenhang ganz direkt angesprochen, der zwischen den ökologischen Krisen und den gesellschaftlichen Problemen besteht. Und die Dysfunktionalität drückt sich beispielsweise im Gesundheitssystem aus. Leider bin ich mir aber nicht ganz sicher, ob das für alle Leser*innen immer verständlich wird, weil zumindest mir an einigen Stellen im Buch oft nicht ganz einleuchtete, worauf sie gerade hinaus will.

Das ging mir an manchen Stellen auch so. Sie ist nunmal Opersängerin und keine Autorin, Soziologin oder Klimaforscherin. (Obwohl sie die wissenschaftlichen Fakten durchaus parat hat!) Das Stilmittel der 92 Szenen, das jeder Chronologie entbehrt, macht es nicht leichter. Aber darauf möchte ich gar nicht weiter rumreiten.

In dem Zitat, das du eben genannt hast, Emma, kommt ein noch ganz anderer Aspekt mit ins Spiel: Der des Privilegs und der Macht. Aus ihrer Ohnmacht, konnte sich die Familie aufgrund ihrer guten sozialen und finanziellen Lage, die Macht zurückerarbeiten. Das hat zum Beispiel viel mit der Möglichkeit zu tun, dass beide Eltern von berufs wegen sich ihre Zeit relativ gut selbst einteilen können. Greta konnten sie in diesem Zug dazu befähigen, ihre Ohnmacht in gehörigen Druck auf die Mächtigen – wie der Klappentext sie so schön bezeichnet – zu transformieren.

Das tun sie, weil die Familie Klimaschutz als ihre Pflicht ansieht, gegenüber den Menschen, die nach uns kommen – intragenerationelle Gerechtigkeit. Und das sollten wir uns untereinander zeigen: Wir können Solidarität wieder mit Bedeutung füllen und Impulse setzen, wenn wir geschlossen auf die Straße gehen. Geschlossen heißt dann nicht nur Klimaschützer*innen untereinander, sondern sämtliche Emanzipationsbewegungen gemeinsam. Und das heißt in der Praxis dann: Die eigenen Privilegien reflektieren und diese für die Klimafrage einsetzen. In manchen Fällen ist das gleichzusetzen mit dem Verzicht auf Privilegien. In Schweden ist es beispielsweise das Fliegen, wofür man sich mittlerweile schämen kann.

Genau, mit diesem Appell endet das Buch dann sogar auch und wirkt dadurch letztendlich recht optimistisch. Obwohl auch Malena Ernman den Impetus von Greta hat: “Our house is on fire.”
Dass es trotzdem so positiv endet, ist irgendwie auch schön, nachdem sie eigentlich im gesamten Text vorher darauf hinweist, dass bisher viel zu wenig getan wird, dass die Krise nicht ernst genug genommen werde, weder von der Politik noch von den Medien. Was ich mich jetzt noch frage ist, wem ich es in die Hand drücken würde. Oder um an den leicht bösen Anfang unseres Gesprächs zurück zu kommen: Ist das wirklich ein Buch für BILD Leser*innen, damit die endlich mal aufwachen? Wem würdest du es empfehlen?

Gute Frage, Emma. Ich würde es verschiedenen Menschen empfehlen: Denen, die mich fragen, wieso machst du dir das Leben so unbequem? – Weil ich bestimmte Dinge einfach nicht mehr ausblenden kann! Aber auch Leuten denen es, obwohl sie es versuchen, schwer fällt, ihr Leben zu ändern, weil ihre Pfade schon so ausgetrampelt sind, dass sie kaum davon abkommen.
Und dann natürlich auch Menschen, die wie Greta Asperger haben oder unter psychischen Problemen, wie Depressionen leiden. Dafür findet das Buch kraftvolle Worte, verwoben mit Argumenten für eine Systemkritik. Meine größte Kritik bleibt die Aufmachung. Ich hätte mir bei der Covergestaltung mehr Nüchternheit gewünscht. Denn so ist es den Kritiker*innen zum hemmungslosen Verriss freigegeben. Apropos Kritik: Welchem Leser*innenkreis würdest du es denn nicht in die Hand drücken?

Ich würde es vermutlich weder einer Person geben, die schon total klimaaktivistisch unterwegs ist, weil es dafür zu wenig neue Informationen bietet und auch zu sehr das Leben der Thunberg/Ernmans in den Mittelpunkt stellt.
Andererseits würde ich es auch niemandem geben, der oder die gar nicht an den Klimawandel glaubt. Mal abgesehen davon, dass das eine absurde Position ist, ist dieses Buch eher ein Aufruf zu Engagement, als eine überzeugende Argumentation, die beweist, dass Menschen das Klima verändern.

Kurzum: Ich denke es ist ein gutes Buch für alle, die sich sowohl Gedanken über den Klimawandel, als auch um gesellschaftliche Schieflagen machen, gleichzeitig aber noch nicht so genau wissen, ob und wie diese möglicherweise zusammenhängen. Hinzu kommt, dass es schnell weggelesen werden kann. Ich würde es als “Snackbuch” bezeichnen, wenn du weißt was ich meine. Ich hatte es an zwei Abenden durch. Keine große Literatur, aber eine gute Lektüre, die den einen oder anderen Gedanken über unser alle Gesellschaft anstoßen kann.

Posted by:transitioneer

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