Wieso schafft es unsere kapitalistische Gesellschaft trotz aller Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit nicht auch so zu handeln? Spätestens seit den Fridays For Future-Demos haben wohl auch die letzten Politiker*innen mitbekommen, dass die Gesellschaft einen ökologischen Wandel dringend braucht – in der Theorie sind auch alle dafür. Trotzdem scheint nichts zu passieren, was uns dem Ziel einer nachhaltigen Gesellschaft näher bringt.

Woran liegt das? Scheinbar sprechen wir und die Bundesregierung überhaupt nicht die gleiche Sprache. Denn wenn die Bundesregierung von Nachhaltigkeit spricht, dann leider in einer neoliberalen Art und Weise. Das ist problematisch, weil so immer die Wirtschaft das letzte Wort hat.

Eine auf Wachstum basierende Wirtschaft ist dabei in den vergangenen Jahrzehnten auch zum großen Ziel staatlichen Handelns geworden, dem alle anderen Ziele untergeordnet werden.

Doch was genau bedeutet Neoliberalismus?

Das Wort Neoliberalismus ist sehr schwammig. Es beschreibt in erster Linie eine Wirtschaftsordnung, die für freie Märkte und somit für ungehindertes Wirtschaftswachstum steht: Konkurrenz, Wettbewerb und maximale Wertsteigerung sind dabei das A und O. Eine auf Wachstum basierende Wirtschaft ist dabei in den vergangenen Jahrzehnten auch zum großen Ziel staatlichen Handelns geworden, dem alle anderen Ziele untergeordnet werden. Sogar weltweite Probleme, wie Armut und Hunger, sollen mithilfe des Marktes gelöst werden. Möglichst großes Wirtschaftswachstum soll für Wohlstand und Reichtum sorgen und so alle Probleme lösen. Der Mensch wird nur noch in seiner Funktion als Konsument wahrgenommen, der auf dem Markt Waren und Dienstleistungen kaufen und verkaufen kann – nicht mehr als politisch handelnde Person.

Genau mit dieser neoliberalen Denkweise will die Bundesregierung auch Ihre Nachhaltigkeitsziele erreichen. Ein Beispiel dafür findet sich im Video-Podcast von Angela Merkel, wo sie über die Erreichung der Klimaziele in Deutschland bis 2030 spricht:

„Es wird insgesamt darum gehen, einen möglichst mit der Wirtschaft kompatiblen Ansatz zu finden, um mit Hilfe von neuen Technologien die anspruchsvollen Klimaschutzziele auch zu erreichen.“

Ganz nach dem Motto: Erst die Wirtschaft, dann die Nachhaltigkeit. Doch das war nicht immer so.

Mit der Studie des Club of Rome Grenzen des WachstumsLimits to Growth – von 1972, wurde einer breiten Öffentlichkeit das erste Mal bewusst, dass Eingriffe in die Natur globale Umweltschäden hervorrufen und es struktureller Änderungen der Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme bedarf, damit auch die Generationen nach uns noch eine Umwelt vorfinden, in und von der sie leben können.

Knapp zusammengefasst steht in dem Bericht, dass die natürlichen Ressourcen auf der Erde in absehbarer Zeit aufgebraucht sein werden, sollten das exponentielle industrielle Wachstum und die rasante Bevölkerungsentwicklung so weitergehen wie bisher. In dem Bericht wird das erste Mal industrielles Wirtschaftswachstum und Massenkonsum für das Schwinden der natürlichen Ressourcen, für globale Umweltprobleme und globale soziale Ungleichheit verantwortlich gemacht. Als Lösung plädiert der Bericht für Umverteilungsmaßnahmen seitens der Regierungen, um die sozialen Ungleichheiten zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden zu verringern. Der Bericht spricht außerdem von einem gesellschaftlichen Wertewandel, der im Denken und Handeln stattfinden muss, um den Massenkonsum zu begrenzen. Suffizienzstrategien sind gefragt, die darauf abzielen, durch weniger Verbrauch und weniger Konsum den gesamten Energie- und Rohstoffverbrauch zu senken. Das hieße auch, dass das Wirtschaftswachstum zurückgeht. Denn die Vergangenheit zeigt, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Wachstum ohne ein Mehr an Energie- und Ressourcenverbrauch möglich ist (mehr dazu kann man bei Tim Jackson lesen: Wohlstand ohne Wachstum).

Wenn allerdings heute in Deutschland auf staatlicher Ebene über Nachhaltigkeit gesprochen wird, geht es weniger um Suffizienz und Umverteilung, als vielmehr um Effizienzsteigerungen und Technologieinnovationen. Das hat mit dem Konzept der Nachhaltigen Entwicklung zu tun, das für das Nachhaltigkeitsverständnis der Bundesregierung handlungsleitend ist.

Hier wird die Logik aus dem Bericht des Club of Rome umgedreht: Wachstum wird vom Problem zur Lösung gemacht.

Entstehung der Nachhaltigen Entwicklung

Erstmals bekannt wurde das Prinzip der Nachhaltigen Entwicklung mit dem Brundtland-Bericht, der 1987 erschien, also 15 Jahre nach dem Bericht des Club of Rome. Darin wird nachhaltige Entwicklung definiert als Entwicklung „die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“. Die Brundtland-Kommission schlägt die entgegengesetzte Richtung ein, um das zu erreichen: Globales Wirtschaftswachstum soll dabei helfen, die weltweiten sozial-ökologischen Krisen in den Griff zu bekommen. Zwar soll das Wachstum nicht mit Umweltkrisen und sozialer Ungleichheit einhergehen, aber der ökonomische Gewinn bleibt weiterhin DIE Handlungsmaxime.

Hier wird die Logik aus dem Bericht des Club of Rome umgedreht: Wachstum wird vom Problem zur Lösung gemacht. Ganz nach der neoliberalen Logik wird die Lösung auf dem Markt gesucht. Innovation, Effizienzsteigerungen durch neue Technologien und marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen, wie der Abbau von Handelsbarrieren, sollen dafür sorgen, dass es global zu Wohlstand kommt und die sozial-ökologischen Krisen überwunden werden. Auch Angela Merkel spricht in dem Video-Podcast von der Hilfe neuer Technologien, um die Klimaziele zu erreichen. Die Länder des Globalen Südens sollen auf die gleiche Art und Weise agieren: Indem sie in ihrer ‘Entwicklung’ aufholen. Wenn diese Länder zu Industriegesellschaften mit effizienten Produktionsweisen, hohem Massenkonsum und hohem Beschäftigungsgrad werden, werden Armut und Hunger beendet. Jens Hälterlein spricht in seinem Buch Die Regierung des Konsums auch von dem Weltmarkt als Motor der Nachhaltigen Entwicklung.

Wirtschaftswachstum wird somit weltweit festgeschrieben als DER Weg, um zu einer Wohlstandsgesellschaft zu werden und Armut und Hunger zu überwinden. Eine andere Möglichkeit scheint es nicht zu geben.

Handlungsleitend in der deutschen Politik

Handlungsleitend für die deutsche Politik wurde das Prinzip der Nachhaltigen Entwicklung erstmals mit der Agenda 21, die 1992 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Die unterzeichnenden Staaten, so auch Deutschland, verpflichteten sich dazu, ihre Politik am Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung auszurichten und nationale Strategien zu. 2015 wurde die Agenda 21 durch die Agenda 2030 aktualisiert, wozu auch die Sustainable Development Goals gehören. Insbesondere das Ziel 8 verdeutlicht die neoliberale Rationalität der Nachhaltigen Entwicklung: „Decent Work and Economic Growth“. Wirtschaftswachstum wird somit weltweit festgeschrieben als DER Weg, um zu einer Wohlstandsgesellschaft zu werden und Armut und Hunger zu überwinden. Eine andere Möglichkeit scheint es nicht zu geben.

Nun muss die Regierung also zwangsläufig dafür sorgen, dass das Wirtschaftswachstum hoch bleibt, um so zur nachhaltigen Entwicklung der Welt beizutragen. Dafür nimmt der Staat die Konsument*innen in die Verantwortung. Diese müssen das hohe Wirtschaftswachstum über möglichst nachhaltigen Konsum generieren. Um zu nachhaltigem Konsum anzuregen, stellt die Regierung die richtigen Informationen bereit, damit die Konsument*innen auch wissen, welche Produkte sie denn kaufen sollen und welche lieber nicht. Die Nachhaltige Entwicklung soll also durch nachhaltigen Konsum umgesetzt werden.

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Dass sich hinter dem*der Konsument*in ein Mensch verbirgt, der eine politische Stimme hat und abseits des individuellen Konsums mit anderen Menschen zusammenkommen kann, um etwas zu verändern, wird völlig außer Acht gelassen.

Das aber ist aus folgenden Gründen überaus problematisch:

Erstens verstärkt die Fokussierung auf nachhaltigen Konsum soziale Ungleichheiten. Wenn kein oder nur wenig Geld vorhanden ist, sind die Möglichkeiten, nachhaltig zu konsumieren oder überhaupt zu konsumieren, stark eingeschränkt. Mal abgesehen davon, dass nicht stattfindender Konsum am Besten für die Umwelt ist, kann in der oben beschriebenen Logik jemand ohne finanzielle Ressourcen auch nichts zur nachhaltigen Entwicklung beitragen. Nachhaltigkeit wird also an den persönlichen, finanziellen Erfolg der einzelnen Person geknüpft. Die Verantwortung wird auf die Schultern der Individuen geladen.

Zweitens nimmt die Fokussierung auf den nachhaltigen Konsum die Produzierenden aus der Verantwortung. Die Verantwortung liegt allein bei den Konsument*innen, die für eine nachhaltige Entwicklung ökologisch und ethisch korrekte Produkte nachfragen müssen. Für die Produzierenden entscheidet weiterhin nur der größtmögliche Umsatz.

Drittens ist auch nachhaltiger Konsum immer noch Konsum, der auf der Nutzung von Ressourcen basiert und die Umwelt belastet. Suffizienzstrategien, die über Verhaltensänderungen umgesetzt werden und nicht über mehr Konsum, werden völlig außer Acht gelassen. Denn dafür existiert kein Markt.

Viertens und als letzten und sehr entscheidenden Punkt wird der Mensch in dieser Denkweise nur als neoliberales Subjekt des Marktes wahrgenommen. Das heißt als Konsument und nicht als politische*r Bürger*in. Dass sich hinter dem*der Konsument*in ein Mensch verbirgt, der eine politische Stimme hat und abseits des individuellen Konsums mit anderen Menschen zusammenkommen kann, um etwas zu verändern, wird völlig außer Acht gelassen.

Für eine sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft ist es aber wichtig, dass sich die Menschen nicht nur auf ihren eigenen ökologischen Fußabdruck konzentrieren, sondern sich als Teil der Gesellschaft und als politische Subjekte wahrnehmen, um die Strukturen zu verändern. Und das gelingt, wenn sich die Menschen nicht (nur) als Konsument*innen wahrnehmen.

ichalsbuergerin

Auch mit nachhaltigem Konsum befinden wir uns immer noch in einer Wachstumsgesellschaft, die irgendwann an ihre Grenzen stoßen wird. Wenn wir davon wegkommen wollen, müssen wir neue Narrative entwickeln, die nicht auf der Rationalität des Neoliberalismus beruhen und nicht den Markt als Allheilmittel für sozial-ökologische Krisen betrachten. Wir müssen den absoluten Ressourcenverbrauch senken und kommen daher an Änderungen unseres Verhaltens nicht herum. Also, uns zuliebe: Erst Nachhaltigkeit, dann Wirtschaft – sagen wir.

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Die Illustrationen hat Laura an eine Zeichnung des idealen Menschen von Leonardo da Vinci angelehnt: Der vitruvianische Mensch, nach von Vitruv formulierten und idealen Proportionen, in einem Quadrat und einem Kreis. Aus den idealen Proportionen des Konsums, kann der Menschen als Bürger oder Bürgerin ausbrechen. Eine erste Strategie des Ausbrechens, in der modifizierten Bedürfnispyramide, fängt mit der Frage an: Brauchst du es? 

Posted by:lisakristina

3 Antworten auf „“Kauft nachhaltig ein – damit rettet ihr die Welt!”, sagten sie.

  1. Hallo Lisakristina,
    als ich Deine spannende Überschrift las, dachte ich als erstes an die Verantwortung der Konsument*innen. Nachfolgend gibst Du dann jedoch eine Abhandlung über falsche Politik und „böse“ neoliberale Wirtschaft. Mir kommt da echt jeder Individuum zu kurz, das über weniger Konsum und Einkauf nachhaltiger Produkte erheblich zur sofortigen Verbesserung der Situation beitragen kann.

    Zugegeben, mich frustiert das „weiter so“ von gefühlt 99,9% aller Menschen. Öffentlich wird gern von der Mehrheit ein „ja, mir sind Klimaschutz und faire Produktion ganz wichtig“ propagiert, tatsächlich wird geflogen, Auto gefahren und geshopped wie eh und je.

    P.S.: mir ist übrigens auch bei Eurer Konferenz in der Dänischen Bibliothek (die ich übrigens echt spannend fand, vielen Dank dafür) aufgefallen, dass Ihr fast ausnahmslos die Politik in der Verantwortung seht, und selten bis gar nicht die Möglichkeit des Wandels bottem up näher untersucht.

    Trotzdem weiter so! Es ist schön, dass es Euch und diesen Studiengang gibt!!!
    Matthias

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  2. Hallo Matthias,
    vielen Dank für Deinen Kommentar. Du hast natürlich Recht, dass wir als Individuen viel bewirken können, indem wir „nachhaltige“ Produkte kaufen. Es geht mir darum zu zeigen, dass das aber bei der Bundesregierung der einzige Fokus zu sein scheint und nicht hinterfragt wird, ob man dieses oder jenes überhaupt (neu) braucht. Der Tenor ist eben immer noch, dass die Wirtschaft das letzte Wort hat und „Nachhaltigkeit“ nur dann eine Chance hat, wenn es sich rechnet.
    Mit komplett nachhaltigen Konsum und Produktionsweisen würden wir uns ja in einer Art „Green Economy“ befinden: Alles wie jetzt, nur in nachhaltig und mit Ökostrom. Aber auch dann kommt unsere Umwelt ja zwangsläufig irgendwann an ihre Grenzen, weil weiterhin zu viele Ressourcen verbraucht werden. Daher müssen wir darüber nachdenken, wie es auch mit „weniger“ geht. Und davon will die Bundesregierung leider gar nichts wissen.

    Zu deiner Frustation, dass die meisten weiter machen wie bisher trotz anderer Bekenntnisse: Da kann ich dir nur zustimmen. Es gibt aber leider auch sehr viele (politische) Barrieren, die es der einzelnen Person erschweren, wirklich nachhaltig zu leben (Beispiel: Solange fliegen immer noch so viel günstiger, schneller und einfacher verfügbar ist als Zug fahren in Europa, wird die Mehrheit wohl weiter fliegen). Auch ich komme da sehr schnell an meine Grenzen und würde liebend gern in einer Gesellschaft leben, die es mir ermöglicht, nur nachhaltige Entscheidungen zu treffen.

    Zu den Bottom Up Bewegungen: Ich glaube, dass politischer Wandel gerade aus solchen Bottom Up Bewegungen entstehen kann. Aber dafür reicht es eben nicht, wenn jede*r nur schaut, dass er/sie selbst möglichst nachhaltig kauft, sondern die Vernetzung untereinander ist ausschlaggebend, damit man zusammen eine Stimme hat, die gehört wird.

    Liebe Grüße und einen schönen Rest-Sonntag,

    Lisa

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    1. Hi Lisa,
      vielen Dank für deine ausführliche und den Artikel ergänzende Antwort. Ich stimme Dir komplett zu, genau so ist es! Kleine Anmerkung : mit „jeder einzelne kann einen Beitrag leisten “ meinte ich natürlich nicht ein „weiter so, nur ökologisch, “ sondern vor allem auch freiwilligen Verzicht und dadurch Beschränkung des Wachstums. Ist natürlich schwierig angesichts politischer und ökonomischer Ausrichtung unserer Gesellschaft auf Wachstum. Ich selbst merke aber mit meiner Frau schon seit Jahren, was für ein gutes Gefühl es ist, weniger zu konsumieren, Auto zu fahren, etc

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