Wenn ich Menschen erzähle, was ich studiere, kommt oft eine Frage: Muss der Karren erst gegen die Wand fahren oder ist die Welt noch zu retten?. Zugegeben, hin und wieder erwische ich mich auch selbst bei dieser Frage. Insbesondere, nachdem ich auf desillusionierenden Workshops, Vorträgen oder Konferenzen war, die mich denken lassen, dass die Menschheit doch noch nicht bereit für einen großen Wandel ist. Anders war das am 11. und 12. April 2019 auf der Konferenz Transformation by Design or by Disaster – make Transformation tangible, organisiert von dem Studiengang Ökosoziales Design in Bozen.

Es war eine Zusammenkunft von Veränderungswütigen mit einem Programm, das Potenziale aufzeigen sollte.

Stimmung_Felix Jacobs
Zu einer guten Konferenz gehört auch das gemeinsame Essen und der Austausch. Foto von Felix Jacobs

Von Flensburg nach Bozen sind es schlappe 1.250 km – kann frau schon mal machen – vor allem, weil sie Lust hat, Menschen zu treffen, die ein ähnliches Ziel verfolgen: Transformation hin zu einer Welt ohne Machtgefälle, der damit einhergehenden sozialen Ungleichheit, Hunger, Armut und und und. Kurz gesagt: Transformation hin zu einer besseren Welt, wie auch immer diese aussehen mag. Der Titel der Konferenz war zudem verlockend, erinnert er doch an das Buch Transformationsdesign von Harald Welzer und Bernd Sommer. Aus diesem Grund, und weil ich die sozialwissenschaftliche Brille offensichtlich völlig inkorporiert habe, erwartete ich Systemkritik – und lag damit dann doch falsch. Dazu später mehr.

Transformation greifbar machen

Van Bo Le-Mentzel sprach über seine Zukunftsvision eines anderen Zusammenlebens – beispielsweise in Tinyhouses und vor allem nicht mehr in Nationen, sondern in Gemeinschaften. Neben diesem Talk gab es zwar noch weitere Vorträge, doch der Fokus der Konferenz lag eindeutig auf Open Spaces und Vorstellungen von Projekten, Ideen und Initiativen. Alles immer mit Perspektiven von Gestaltung im Hinterkopf.

Van Bo)_Felix Strohbach
Van Bo Le-Mentzel erklärt seine Zukunftsvision. Foto von Felix Strohbach

Scheinbar beschäftigt sich der Studiengang und damit auch die Konferenz intensiv damit, wie Transformation aktiv gestaltet werden kann. So weist auch Kris Krois, Studiengangsleiter, mehrmals darauf hin, dass vor allem eins zähle: Den Start wagen. Und damit Transformation greifbar machen.

Kriss Kroiss
Machen statt Schnacken, lautet die Devise von Kris Krois, der bei diesem Slide Friederike Habermann zitiert. Foto von Simon Platter

Mit dem Social Design Lab Menschen zusammenbringen

Saskia (Sozialwissenschaftlerin) und Jenny (Designerin) vom Social Design Lab der Hans Sauer Stiftung in München hatten meine Aufmerksamkeit spätestens als sie ihr Multi-Stakeholder-Prinzip vorstellten.

Social Design Lab_Felix Strohbach
Saskia & Jenny stellen die Idee des Social Design Lab vor. Foto von Felix Strohbacher

Aber zuerst einmal: Was ist das Social Design Lab?

Das Social Design Lab eröffnet Räume für Transformation. Es widmet sich Dauerbrennern wie Armut, Ungleichheit, Stadtentwicklung und allem, was in der Gesellschaft für Missstände sorgt. Sobald eine potentiell lösbare Problematik lokalisiert wurde, startet die Vorbereitungsphase mit Brainstorming-Einheiten, um dann im sogenannten process commitment eine erste Idee der Umsetzung zu haben. In der Design-Phase werden Forschungsperspektiven aus Sozialwissenschaften und Design zusammengeführt, um das Projekt gestaltbar zu machen. Innerhalb der Zyklen findet sehr viel Aushandlung, Abwägung und Reflektion statt. Der Design-Zyklus ist abgeschlossen, sobald das Projekt an Stabilität gewinnt und die vielen Stakeholder auch ohne das strukturierende Input des Social Design Labs auskommen. In der implementation and cultivation Phase sollte das Projekt in die Hände der Akteur*innen vor Ort gegeben werden und bestenfalls weitergeführt werden.

Social Design Lab Process
Das Ziel: Mithilfe des Social Designs die Lücke zwischen notwendiger Transformation und Umsetzung zu schließen. Grafik von dem Social Design Lab der Hans Sauer Stiftung

Das Social Design Lab ist also maßgeblich dazu da, die Lücke zwischen den Teilhabenden, deren Umwelt und der Wissenschaft zu schließen. Das alles geschieht, laut Jenny und Saskia, auf Augenhöhe, sodass beste Voraussetzungen für eine gelingende Transformation und die Weiterführung des angestoßenen Projektes gegeben sind. Ein bisher erfolgreiches Projekt des Social Labs ist beispielsweise die Vision Mehrwerthof – ein Projekt, das sich der Verschwendung von Ressourcen in den Weg stellt.

Das Social Design Lab befindet sich in „permanent beta“: Ständig wird verändert und angepasst – schließlich gibt es nicht das eine Rezept für erfolgreiche Transformation. Es möchte „Prozesse und Strukturen experimentell und iterativ entwickeln“ und mit ”konkreten Lösungen neue soziale Konstellationen und Praktiken“ schaffen.

Dafür wird ein sogenanntes Multi-Stakeholder-Prinzip genutzt. Das Ziel hierbei ist es, möglichst viele Akteur*innen in den Prozess mit einzubinden. Multi-Stakeholder heißt also, Leute aus: Multi-Sector, Multi-Society, Multi-Discipline und Multi-Layer, zusammenzubringen. Das sorgt für unterschiedliche Perspektiven und Interdisziplinarität – eigentlich sogar Transdisziplinarität: Es kommen hier Menschen zusammen, die unter normalen Umständen nicht zusammen kämen. Das soll helfen Ungleichheiten, Vorurteile und Intoleranz abzubauen. Ganz nebenbei können alle voneinander lernen und gemeinsam die Welt kreieren, in der sie leben möchten. Das verleiht den Teilhabenden Selbstwirksamkeit.

Die Projekte sind gleichzeitig Forschung, in denen die Experimente in der realen Welt stattfinden.

Journalismus greifbar machen mit Matteo Moretti

Matteo Moretti ist Information Experience Designer und sprach über Visual Journalism. Er ist der Ansicht, dass vor allem die Aufbereitung der Informationen wichtig ist. So ist es sein Ziel, informative Erlebnisse zu designen – für eine informierte Gesellschaft. Informationen zum Anfassen und Erleben, bleiben hängen, meint er. Visual Journalism ist dabei zumeist eine Installation und daher an einen Ort gebunden. Dies kann einerseits ein Vorteil sein, weil es die Menschen vor Ort tatsächlich betrifft, andererseits ist die Reichweite der designten Informationen bei weitem nicht so ausgeprägt, wie bei einem Artikel, der im Internet hochgeladen wird.

Matteo Moretti
Matteo Moretti verbindet Design und Journalismus. Foto von Felix Strohbach

Matteo Moretti kombiniert in seiner Arbeit Journalismus mit Design und Sozialwissenschaften. Journalismus hat weiterhin die Aufgabe, Informationen in die Gesellschaft zu tragen. Design ist für die user experience zuständig und verwandelt die Besucher*innen in Teilhabende. Und Sozialwissenschaften können so mithilfe von Design zeigen, was Daten möglicherweise nicht sagen können.

Das hebe den „top-down“ Zugang zu Informationen auf. Damit ist gemeint, dass Menschen, meist schon gefilterte Informationen durch ein journalistisches Medium erhalten. Die Information kommt also von oben und wird nicht selbst erfahren.

Grenzen des Designs?

Wie bei jeder Konferenz, stelle ich mir hinterher die Frage ¨Und jetzt?“ Ja,und jetzt fällt es mir nicht ganz leicht, ein Fazit zu ziehen. Meine Kritik jedoch ist simpel: Ich empfand die Konferenz als zu unkritisch. Vermutlich ist es dem Format der Konferenz geschuldet, die Transformation ja greifbar machen möchte.

Denn gleichzeitig glaube ich nicht, dass sich auf der Konferenz alles gezeigt hat, was den Studiengang und die Denkweise der Ökosozial-Designer*innen ausmacht. Es war lediglich ein knapper Einblick in Projekte, den ich gewinnen konnte.

Welche Fragen ich mit zurück nach Flensburg bringe, sind also folgende: Wo sind die Grenzen des Designs? Wie kann Transformation geplant (also designt) werden, wo sie doch schon schwer zu bändigen ist? Was ist mit nicht-intendierten Folgen und dem Rebound-Effekt? Wieviel Zufall und wieviel Unvorhersehbarkeit steckt im Leben und dadurch auch in Veränderungsprozessen? Was passiert, wenn die Projekte vorbei sind? Reichen diese projektartigen Transformations-Anstöße überhaupt aus?

Und: Was ist eigentlich mit der Politik? Auf der Konferenz hörte ich oft Sätze wie „Wir als Designer sind unpolitisch“, dabei beweist doch gerade die Konferenz an sich, dass das niemals sein kann. Gesellschaftliche Transformation ist ein Prozess, der immer politische Aushandlungsprozesse brauchen wird. Und letztendlich ist schließlich alles politisch.

Feststeht, ich kann die sozialwissenschaftliche Brille nicht mehr abnehmen. Wir sind verschmolzen. Das ständige Hinterfragen und ich sind nun Eins. Der Perspektivenwechsel, oder zumindest der Einblick in die Design-Welt, war genau deshalb so spannend. Er führte mir noch einmal vor Augen, wie konstruiert unsere Welt ist, und, dass nicht einmal alle Transformationswissenschaftler*innen aus der gleichen Richtung darauf blicken. – Von dieser Konstruiertheit der Welt gehen übrigens auch die  Transformations-Kolleg*innen in Bozen aus, sonst könnten sie unmöglich damit rechnen, etwas gestalten zu können.

Und mit vielem haben Kris Kroiss und seine Studierenden sicherlich recht: Manchmal denken wir Sozialwissenschaftler*innen zu viel und machen zu wenig. Dabei sind Selbstwirksamkeitserlebnisse so wichtig, um nicht das Gefühl zu haben, in einem Meer aus Problemen zu ertrinken. Diese Erlebnisse ergeben sich eben nur durch aktives Tun.

Selbstwirksamkeit durfte ich in Südtirol übrigens auch erfahren, denn nach der Konferenz in Bozen stand der Besuch beim „hier&da Festival“ in Mals auf dem Programm. Dort ging es um das gute Leben im ländlichen Raum, vor allem um die Agrarwende und Ernährungspolitik. Es gab viel Input, neue Ideen, neue Menschen, Projekte, Gedanken, Kritik, Wünsche und Inspiration – und die folgen im nächsten Artikel.


Dank geht an Marion Oberhofer, Jenny Gallen und Saskia Steyrer von der Hans Sauer Stiftung, Felix Jacobs, Simon Platter und Felix Strohbach, die mich mit Bildern und Grafiken versorgten. Auch das Titelbild ist übrigens von letztgenanntem.

Posted by:Alexa

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