Warum denken sich Menschen eigentlich Geschichten aus? Und macht es etwas mit unserer Gesellschaft, wenn utopische oder doch eher dystopische Zukunftsvorstellungen dominieren? Diese Fragen haben Marie und Rebekka beschäftigt, die beide leidenschaftlich gern lesen und sich trotzdem ab und zu gefragt haben was das eigentlich bringt. Der Vortrag ist ein wilder Ritt durch Literatur, Menschheitsgeschichte, Soziologie und Feminismus und vor allen Dingen durch den Roman The Handmaid’s Tale von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood, der es schafft heute genauso zu rebellieren und inspirieren wie in den 80er Jahren schon.

Die beiden haben ihren Vortrag als Audiodatei neu eingesprochen und so gibt es hier zum ersten Mal was zum Hören. Wer aber lieber liest, oder gleichzeitig hören und mitlesen mag, findet den Text unter der Audiodatei, inklusive einer Liste der Literatur auf die die Beiden sich beziehen. Und jetzt: Viel Spaß beim Anhören!

 Wir brauchen Utopien…

… so lautet die Überschrift eines Artikels in der ZEIT vom Dezember 2017. Unsere Generation sei zu pessimistisch, ihr fehlen die Visionen. So und ähnlich, läuft der Aufruf in den letzten Jahren immer mehr durch die Medien und auch aus unserem Studiengang kennen wir diese Wünsche nur zu gut. So fragen wir uns oft: Wie soll eine gute Gesellschaft in Zukunft aussehen? Und welche Utopien können wir den vielzähligen Dystopien entgegenstellen?

Auch in Literatur und Film begegnen uns allzu häufig dunkle Zukunftsszenarien. The Day After Tomorrow: Klimawandel zerstört die Erde, The Circle: Digitalisierung führt zu immer mehr gegenseitiger Überwachung, Selbstausbeutung und Selbstoptimierung.

Was ist der Grund für diese Schwarzmalerei? Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Und warum sehnen wir uns so sehr nach Utopien – brauchen wir sie wirklich so dringend für ein Neudenken unserer Gesellschaft?

Das Wort ‘Utopie’ kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie ‚Nicht-Ort‘. Eine Utopie kann also gar nicht real existieren. Utopien sind Pläne und Visionen einer idealen Gesellschaft, eines Ortes oder einer Art zu leben – das gilt sowohl für literarische als auch für politische Utopien, die lange Zeit ja übrigens kaum voneinander zu unterscheiden waren. Visionäres Denken ist wahrscheinlich eine im Menschen so tief verankerte Eigenschaft wie jede Art von Träumen und Planen – es entsteht durch ein Verständnis der eigenen Geschichte und der Möglichkeit uns die Zukunft vorzustellen. In ähnlicher Art und Weise setzt auch gesellschaftlicher Wandel ein Verständnis der Gewordenheit der Situation voraus und die Fähigkeit, Hoffnungen und Visionen für eine andere, womöglich bessere, Zukunft zu hegen. Was bedeutet es jedoch Visionen und Träume in die Gesellschaft zu tragen?

Visionäres Denken ist wahrscheinlich eine im Menschen so tief verankerte Eigenschaft wie jede Art von Träumen und Planen – es entsteht durch ein Verständnis der eigenen Geschichte und der Möglichkeit uns die Zukunft vorzustellen.

Jeder Traum ist immer nur von einer Person, oder von einer Personengruppe, erdacht und kann nie ein so umfassendes Bild malen, dass alle Menschen mitgedacht werden. Vom 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts waren zum Beispiel, sowohl literarisch als auch politisch, Geschichten populär, die den europäischen Kolonialismus in großem Maße ermöglicht haben. Die Utopie des Kolonialismus war ja oft von der Hoffnung auf einen paradiesischen Ort geprägt. Ein Ort, an dem die soziale Gerechtigkeit, die es in Europa nicht gab, realisiert werden konnte. Die indigene Bevölkerung spielte dabei allerdings keine Rolle, beziehungsweise sollte sich den Phantasien der Europäer unterwerfen. Die Utopie der einen ist also die Dystopie, die Schreckensvision, der anderen.

So zeigt zum Beispiel Thomas Morus’ Werk Utopia, übrigens auch der Ursprung des Wortes, eine Gesellschaft, die durch die kostenlose Arbeit von Sklaven, Frauen und Kindern getragen wird.

„Wenn die Utopie aber zur Ideologie wird, pervertiert sie zum Dogma“ sagt der Utopieforscher Richard Saage. Die Wahrheit dieser Feststellung lässt sich spätestens seit den realisierten Utopien des 20. Jahrhunderts nicht mehr bestreiten. Denken Sie zum Beispiel an die sozialen Utopien der U.d.S.S.R. unter Lenin und Stalin und auch die Deutschlands unter Hitler. Sie haben zu beispielloser und menschenverachtender Gewalt geführt. Der real existierende Kommunismus konnte der Utopie des Sozialismus niemals gerecht werden.

Der plötzliche Umschwung in der Literatur von Utopien hin zu Dystopien ist also gut nachvollziehbar. Die Utopien hatten deutlich gezeigt, wie destruktiv, wie dystopisch sie wirken konnten wenn sie gesellschaftlich umgesetzt werden. Die Gefahr von Utopien liegt darin, dass sie an einen Idealzustand glauben und doch so vieles nicht mitdenken können. Und vor allen Dingen liegt die Gefahr in dem Wunsch von Menschen, Geschichten als Blaupausen für die Realität zu übernehmen. So enthält jede Utopie ihre Dystopie, ihr potentiell grausames Gesicht in der Realität.

Doch auch in der umgekehrten Utopie, der Dystopie, ist ihr Gegenüber mit enthalten. „Wenn man nur ein wenig an der Oberfläche kratzt”, schreibt die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood dazu, „erkennt man etwas, das eher einem Yin und Yang Muster gleicht: In jeder Utopie steckt auch eine Dystopie und in jeder Dystopie lässt sich eine Utopie finden: auch wenn sie nur in der Welt liegt die existierte bevor alles schief lief.” Sie beschreibt ihre eigenen Werke auch als „anti-Vorhersagen”. Wenn eine schreckliche Zukunft, im Detail erdacht, Menschen berühren und schockieren kann, dann kann solch eine Vision vielleicht gerade dazu beitragen, dass diese Zukunft nicht eintritt. Die Dystopie lehnt sich auf, sie protestiert gegen bestehende gesellschaftliche Trends indem sie sie weiterdenkt und davor warnt. Die Utopie steckt damit also auch in ihr, denn der Protest bedeutet eine Hoffnung auf Veränderung und impliziert immer auch Visionen. Anders als bei der Utopie sind diese Visionen allerdings weniger explizit.­ So bleibt Raum für ihre tatsächliche Umsetzung. Diese Visionen sind eben keine Ideale und tragen somit keinen Absolutheitsanspruch in sich.

Die Dystopie lehnt sich auf, sie protestiert gegen bestehende gesellschaftliche Trends indem sie sie weiterdenkt und davor warnt. Die Utopie steckt damit also auch in ihr, denn der Protest bedeutet eine Hoffnung auf Veränderung und impliziert immer auch Visionen.

Schon der Schreibakt generell, so die amerikanische Schriftstellerin Flannery O’Connor, ist in sich schon ein hoffnungsvoller, utopischer Akt. Denn Menschen ohne Hoffnung schreiben keine Bücher. Sie richten sich immer an ein Gegenüber, setzen sich mich der Realität auseinander, plädieren für Veränderung – wenn auch oft indirekt.

Wir können an dieser Stelle also nochmal festhalten, dass jede Utopie ein dystopisches Potential in sich trägt, genau wie jede Dystopie utopisch wirken kann.

Aber stimmt es denn überhaupt, wie zuvor angenommen, dass die Utopie mit den Brutalitäten des 20. Jahrhunderts verloren gegangen ist, und durch Dystopien ersetzt wurde? Richard Saage zumindest geht vom Gegenteil aus. Er meint, dass Utopien Teil unseres gesellschaftlichen Mainstreams geworden sind, zumindest hier im Globalen Norden. Die gesellschaftlichen Utopien, von denen er spricht, sind die vom endlosen Wachstum, von der Herrschaft des Menschen über alles, inklusive über die Natur und die eigene Sterblichkeit. Nur wird ihr fiktiver Kern nicht mehr gesehen und so bekommen die „Neuen Utopien“ wie er sie nennt, sehr reale Konsequenzen. Diese neuen Utopien sind jedoch fundamental anders als ältere Utopien, weil sie sich nicht gegen bestehende Strukturen wenden, die Gegenwart nicht kritisieren. Das war anders: Selbst Thomas Morus beschreibt in Utopia Gesellschaftsstrukturen, die fundamental anders sind als die seiner Herkunft. „Die Neuen Utopien“, auf der anderen Seite, schreibt Saage, „schreiben in aller Regel die sozioökonomischen Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaft fort: Sie halten die soziale Frage für obsolet und betrachten den kapitalistischen Verwertungszusammenhang als nicht hinterfragbare Tatsache.“

Dass vor allen Dingen gegenwärtige technologische Entwicklungen besonders auf dystopische Spielart literarisch weiterentwickelt werden, ist unter diesem Gesichtspunkt vielleicht noch einmal relevanter. Wenn die Gesellschaft auf so viele unhinterfragte Utopien zusteuert, braucht es umso mehr die Auflehnung, die Verdeutlichung der Gefahren. Das Problem, in seinen eigenen Worten, ist „ob sie noch auf die gesellschaftliche Akzeptanz rechnen können, die sie einst hatten.“

An dieser Stelle ist für uns die Frage interessant, was für eine Rolle eigentlich Literatur für die Gesellschaft spielt. Warum spricht Saage von der Notwendigkeit einer größeren gesellschaftlichen Akzeptanz von Fiktion? Warum ist das wichtig? Und lassen sich gesellschaftliche Utopien überhaupt von literarischen unterscheiden?

Ganz grundsätzlich sind Geschichten erst einmal ein Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses zu kommunizieren. Gedanken, Gefühle, Eindrücke müssen, so stellt es die Philosophin Hannah Arendt fest, transformiert werden, um vom Individuum in die Öffentlichkeit getragen zu werden. Am häufigsten passiert diese Transformation, so Arendt, durch das Erzählen von Geschichten. Warum aber nun Fiktion, also erdachte Geschichten?

Chinua Achebe hat dazu in seinem sehr spannenden Essay The Truth of Fiction erst einmal festgehalten, wie schwierig es ist, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Der Mensch ist ein Fiktions-schaffendes-Tier. Geschichten helfen uns die Welt um uns herum zu verstehen. In einem Interview sagt Margaret Atwood, dass sie als Kind immer gedacht hat ‚nicht-fiktiv‘ heißt ‚wahr‘. Ich glaube, dass sie damit nicht allein ist. Dabei kann diese Wahrheit so unterschiedlich aussehen, je nachdem wer sie erzählt! Man denke nur an immer wieder umgeschriebene Geschichtsbücher. Fiktion birgt eine Wahrheit, die nicht an Fakten gekoppelt ist – im Gegenteil. Dadurch, dass sie gerade nicht behauptet wahr zu sein, kann die Fiktion losgelöst von jedem Anspruch sich zu beweisen andere Sinne ansprechen. Um sich herum kreieren Menschen immer wieder Fiktionen, die helfen Gesellschaft zu konstruieren, zu strukturieren und zu organisieren. In seinem Buch Imagined Communities beschreibt Benedict Anderson so zum Beispiel den Ursprung von Konzepten wie Nation und Nationalstaaten als letztendlich fiktiv – sie beruhen auf dem Glauben an eine Gemeinschaft, die erst dadurch zustande kommt. Dass wir uns so also Gemeinschaft und Gesellschaft durch Erzählungen, durch Fiktion, erschaffen, ist für Achebe zumindest selbstverständlich. Nur gibt es, so schreibt er, sowohl Fiktionen, die helfen als auch solche die bösartig sind. So hat zum Beispiel die Fiktion, dass es verschiedenen Menschenrassen gibt, lange Zeit in der Menschheitsgeschichte für Brutalität, Unterdrückung und Angst gesorgt und wirkt auch heute noch in beunruhigendem Maße weiter.

Und die hilfreichen Fiktionen? Die wahrscheinlich größte Bereicherung aus dem menschlichen Hang zum Geschichtenerzählen besteht in dem damit einhergehenden Erlernen von Empathie, durch die eigene Vorstellungskraft. Während Sachbücher und Fakten uns eine (anscheinend) außenstehende Position vermitteln, schaffen Geschichten es, die Leser*innen oder Zuhörer*innen hineinzuziehen. Achebe nennt es imaginative identification: Dinge spielen sich nicht nur vor uns ab, sondern wir erleben sie selbst, allein durch die Macht der Vorstellungskraft. Wenn man darüber nachdenkt, ist es schon eine sehr faszinierende Sache: Wir können so viele Dinge durchleben und davon lernen, ohne sie tatsächlich zu erleben. Nicht selten können wir im Nachhinein nicht einmal unterscheiden, ob eine Erfahrung persönlich oder durch Erzählung vermittelt Teil unseres Lebens wurde. Wahrscheinlich kennen wir das alle – sind es wirklich meine Kindheitserinnerungen oder wurde mir die Geschichte einfach nur zu oft erzählt?

Der Schriftsteller Neil Gaiman verankert auch die Möglichkeit handlungsfähig zu werden in Fiktion, denn erst durch das Erdenken und Vorstellen von anderen Welten wächst auch unsere Vorstellungskraft für Veränderung in der Realität. So steckt also vielleicht eine Utopie in jeder Geschichte. Achebe geht sogar noch einen Schritt weiter und verdeutlicht die Relevanz von Geschichten für das Etablieren von Normen und Werten in Gesellschaften – durch Geschichten kann (neu) etabliert werden, was wir als heroische und feige Züge wahrnehmen, indem wir beides in der eigenen Psyche durchleben.

Fiktion lässt sich also als ein Hilfsmittel für Menschen verstehen. Sie hilft uns Bedeutungen und Sinnzusammenhänge zu erkennen und unterschiedlichste Perspektiven einzunehmen.

Doch wie kann man unterscheiden zwischen hilfreicher und schädlicher Fiktion, wie Achebe sie beschrieben hat? Er selbst sieht den essentiellen Unterschied in einer Anerkennung des eigenen fiktiven Charakters. Sobald eine Geschichte nicht mehr als das erkannt wird, was sie ist, nämlich ein ausgedachtes Element – vielleicht ein hilfreiches, aber trotzdem ein fiktives – wird sie gefährlich. Hier erinnern wir uns an die dystopische Seite von Utopien. Wenn die Utopie nicht mehr als Fiktion, sondern als eins-zu-eins realisierbar angesehen wird, mutiert sie zur totalitären Mentalität.

Interessanterweise sind es gerade totalitäre Regime, bei denen immer wieder ein Mangel an Phantasie und Vorstellungskraft diagnostiziert wird. Imaginative identification verhindert Totalitarismus, denn sie ermöglicht es, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, schreibt Chinua Achebe. Totalitäre Regime, laut Hannah Arendt, sind in ihrem Wesen so menschenfeindlich, gekennzeichnet durch einen solchen Mangel an Empathie, dass sie sich letztendlich selbst gegen ihre größten Verfechter wendet.

In einer Ansprache bei Amnesty International über die Rolle von Schriftsteller*innen in der Gesellschaft sagt Margaret Atwood, dass jede Art der Unterdrückung im Endeffekt ein Ausdruck des Scheiterns der Vorstellungskraft ist: Das Scheitern, sich die volle Menschlichkeit anderer Wesen vorzustellen. Sie sieht es also als Aufgabe der Literatur, menschliche Phantasie und Hoffnung zu schüren – denn genau das sind die Eigenschaften, die jedem Totalitarismus zuwiderstreben.

Wenn wir also Geschichten als Hilfsmittel erkennen, wenn wir sie nutzen, um unserer Phantasie freien Lauf zu lassen, dann können sie uns helfen empathisch zu handeln und Gesellschaft offen und divers zu gestalten. Wenn gesellschaftliche Fiktionen allerdings zu Ideologien mutieren, die ihre eigene Fiktionalität leugnen, schüren sie Totalitarismus.

Doch wir wollen zurückkommen zu literarischen Utopien und Dystopien, und Euch und Sie mitnehmen, in einen Roman, den die Autorin selbst weder als das eine, noch das andere bezeichnet. Sowohl ihr Buch The Handmaid’s Tale – das bestimmt schon einige von Ihnen und Euch kennen – als auch ihre anderen Romane, die von außen meist als dystopisch beschrieben werden, nennt Margaret Atwood selbst ‚Ustopien‘: Ein Kunstwort, das Utopien und Dystopien vereint. Das 1985 veröffentlichte Buch The Handmaid’s Tale, spielt am Ende des 20. Jahrhunderts in einer Region, die zuvor zu den Vereinigten Staaten gehört hat; und zeichnet mit der Republik Gilead eine durch und durch patriarchale und Frauen unterdrückende Gesellschaft. Offensichtlich war dies eine Gegenreaktion von Männern, gegen die Selbstbefreiung der Frauen, die Gleichberechtigung und sexuelle Freiheit für sich eingefordert hatten. Die Führer Gileads sind religiöse Fundamentalisten, die sich eine Rückkehr zu den alten Werten vorstellen: Die Moral soll wiedererweckt werden und auf der Basis des Glaubens sollen Leitlinien zur Bekämpfung von gesellschaftlichem Chaos entstehen. Vor der Gründung Gileads kam es aufgrund von nuklearer und chemischer Verschmutzung zu drastisch sinkenden Geburtenraten. Darauf basierend werden denjenigen gutsituierten Männern (den Commanders), deren Frauen unfruchtbar sind, die wenigen noch fruchtbaren Frauen als Handmaids (also Mägde) zugewiesen. Dies wird mit einer biblischen Geschichte gerechtfertigt, in der die unfruchtbare Rachel ihren Mann Jakob instruiert, an ihrer Stelle ihre Magd Bilha zu schwängern. Sie sagt nach einem Streit zu ihrem Mann: „Da ist meine Magd Bilha. Geh zu ihr! Sie soll auf meinen Knien gebären, dann komme auch ich durch sie zu Kindern“. Genau wie in dieser Geschichte, sind auch die Handmaids einer monatlichen Vergewaltigungszeremonie ausgesetzt, die groteskerweise auch die Anwesenheit der Ehefrau des Commanders erfordert. Wenn die Handmaid dabei schwanger wird, wird das Kind nach der Geburt an die Ehefrau des Commanders übergeben. Doch immerhin könnte sich eine Handmaid, die ein Kind geboren hat, sicher sein, dass sie nicht in die sogenannten Kolonien geschickt werden wird, wo „unwomen“ (also „Nicht-Frauen“) giftige Müllhalden und atomaren Abfall säubern. In dieser neu sortierten Gesellschaft sind Frauen also am untersten Ende des sozialen Gefälles angesiedelt, verbannt in die Sphäre des Haushalts. Um dem Patriarchat nicht gefährlich zu werden, müssen die Frauen in Gilead strikt reguliert und kontrolliert werden.

The Handmaid’s Tale greift im Prinzip auf einer Metaebene nochmal das vorher Besprochene auf. Es stellt die Unmenschlichkeit von Totalitarismus in den Mittelpunkt. Zentral für totalitäre Herrschaftsstrukturen ist – nach Hannah Arendts Analyse – wie sich die Unterdrückung durch die gesamte Gesellschaft zieht, und die Macht dadurch nicht hauptsächlich bei einem Diktator ruht. Tyrannen sind, laut Arendt, meist zu Mäßigung gezwungen, um zumindest einen großen Teil der Menschen, über die sie herrschen, hinter sich stehen zu haben. Totalitäre Regime jedoch schaffen es, sich von einer Person zu entkoppeln und verfestigen sich in dem alltäglichen Umgang aller Menschen miteinander. Viele dystopische Romane greifen dieses Motiv auf – so wird bei George Orwells 1984 zum Beispiel, immer mit der Unsicherheit gespielt, ob „Big Brother“ tatsächlich existiert. In The Handmaid’s Tale verdeutlicht Atwood dies jedoch aufs Genaueste. Eine herrschende Figur kommt überhaupt nicht vor. Eine mächtige Elite wird zwar beschrieben, aber selbst die Frage, wie dort die Machtstrukturen funktionieren, scheint gar keine Rolle zu spielen. Vielmehr sind es die gegenseitige Überwachung und Kontrolle, sind es die Nachbarn, Familie, Angestellte und Bekannte, die den Totalitarismus aufblühen lassen. So kommen auch die Handmaids nicht als vereinte unterdrückte Klasse vor, vielmehr ist auch hier die eine der anderen Spionin – niemandem lässt sich trauen.

Es ist wohl kein Zufall, dass Atwood das Buch 1984 in West-Berlin geschrieben hat – mit zeitweiligen Besuchen in Ost-Berlin.

Natürlich verdeutlicht gerade auch dieser Bezug zur DDR, wie stark Romane durch den Entstehungskontext beeinflusst werden. Nicht nur wirken sie als Spiegel der Gesellschaft, sondern sie spiegeln auch wiederum in diese zurück. Literatur steht so in einem ständigen, wechselseitigen Austausch mit der Welt um sich herum.

Diesen Austausch zwischen Gesellschaft und Literatur, können wir anhand von The Handmaid’s Tale ausgezeichnet nachvollziehen. Atwood hat an sich selbst den Anspruch gestellt, in dem Buch keine Entwicklungen aufzugreifen, die es nicht schon geschichtlich, oder sogar zum Zeitpunkt des Schreibens noch gab. Verdeutlichen möchten wir dies anhand von dem, im Roman sehr stark präsenten Thema, der Unterdrückung von Frauen und dem damit einhergehenden Aufbau eines Hyper-Patriarchats.

Die bereits erwähnten Vergewaltigungszeremonien sind natürlich größter Ausdruck der institutionalisierten Erniedrigung, Objektivierung und Inbesitznahme der Frauen in Gilead. Auch Allanna A. Callaway beschreibt, dass das Patriarchat Ehebruch unter dem Vorwand der Reproduktion institutionalisiert hat. Beides braucht hier jedoch nur am Rande erwähnt zu sein. Es handelt sich schließlich um sehr offensichtliche Unterdrückungsmechanismen. Lieber möchten wir noch auf zwei weniger offensichtliche Aspekte eingehen, die die Repression und Unterordnung der Frauen verdeutlichen.

Zum einen möchten wir die Neu-schaffung der Namen der Handmaids nennen. Diese verlieren ihren alten Namen und nehmen stattdessen immer einen Namen an, der sich an dem ihres aktuellen Commanders orientiert. So heißt die Protagonistin ‚Offred‘ – sie ist also die Handmaid ‚of Fred‘, ‚von Fred‘. Übrigens lässt sich bei dem Namen Offred auch ein Wortspiel mit dem englischen ‚offered‘ , also ‚angeboten‘ oder sogar ‘geopfert’, feststellen. Die Protagonistin existiert als nur und ausschließlich in Bezug auf den Commander. Durch den Raub des Namens wird ihr auch ihre Identität und Vergangenheit genommen. Hier lässt sich als Bezug zur Gegenwart übrigens wunderbar nennen, dass auch jetzt noch die meisten Frauen die Nachnamen ihrer Väter und später ihrer Ehemänner annehmen und somit ebenfalls über männliche Verwandte definiert werden.

Der andere Aspekt, den wir hier erwähnen möchten, ist die von Feminist*innen häufig kritisierte Konnotation des Körpers als weiblich und des Geistes als männlich. Diese soziale Konstruktion führt häufig dazu, dass Frauen als sexuelle Objekte wahrgenommen und ihnen ihre intellektuellen Fähigkeiten aberkannt werden. Diese Darstellung findet in der Gesellschaft Gileads ihren Höhepunkt. Hier sind die Männer diejenigen, die die Funktionsweise der Republik entwickelt haben und offensichtlich alle hohen, denkarbeits-lastigen Positionen einnehmen – oder mindestens können sie irgendeiner Erwerbsarbeit nachgehen, wenn es auch nicht für die höheren Posten gereicht hat. Den Frauen hingegen wird nicht nur untersagt, Erwerbsarbeiten auszuführen. Selbst das Lesen wird ihnen verboten – wiederum kein unbekanntes Phänomen. Dies ist gleichzeitig Ausdruck der Restriktion jeglicher geistiger Aktivitäten. Insbesondere die Handmaids werden stattdessen ausschließlich auf ihre reproduktiven Fähigkeiten und somit ihre Körper reduziert. Offred selbst bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Wir sind zweibeinige Schöße, mehr nicht: Heilige Gefäße, wandelnde Kelche“. Die Handmaids haben ihre Menschlichkeit verloren, stattdessen sind sie nur noch – mit den Worten Callaways – potentiell ertragsbringende Eierstöcke. Diese Reduktion der Handmaid’s auf ihre biologische Funktion geht zusätzlich noch mit einer absoluten Kontrolle über ihre Körper einher.

Auch wenn es sich nicht um unseren Analyseschwerpunkt handelt, möchten wir an dieser Stelle kurz erwähnen, dass auch die männlichen Figuren in The Handmaid’s Tale unter den ihnen zugeschriebenen Rollen leiden. So lädt der Commander Offred beispielsweise verbotenerweise nachts zum Scrabble-Spielen ein. Er hat den Wunsch nach einem persönlicheren Austausch mit der Frau, mit der er für gewöhnlich nur einmal im Monat entsexualisierten Geschlechtsverkehr haben soll. Dies lässt sich hervorragend mit Arendts bereits genannter Analyse totalitärer Strukturen erklären: Totalitäre Systeme sind so menschenfeindlich, dass sich selbst ihre größten Verfechter und vermeintlichen Nutznießer letztlich nicht mehr wohlfühlen können.

Einige Aspekte aus dem Gesellschaftssystem Gileads mögen Ihnen und euch schon mehr oder weniger bekannt vorgekommen sein. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Atwoods Dystopie, wie Dystopien generell, nicht völlig von der Realität losgelöst ist. Im Gegenteil speist sie sich sogar ausschließlich aus in der Wirklichkeit geschehenen und beobachteten Entwicklungen. Denn während sich die Lage zwischen den Jahren 1965 und 1985 für Frauen immer weiter verbesserte, ließ eine Gegenbewegung nicht lange auf sich warten: Für einige schien die Welt ein wenig zu frei für Frauen zu werden. Im Jahr 1984, als Atwood das Buch schrieb, konnten diejenigen, die die Errungenschaften der feministischen Bewegungen der Vorjahre eindämmen wollten, merkliche Erfolge feiern. Als Beweis, nichts von dem, was in Gilead passiert frei erfunden zu haben, nahm Atwood auf ihren Lesereisen stets einen Ordner mit, in dem sie diese Angriffe auf Menschenrechte und Freiheit von Frauen festhielt. Die rumänische Regierung hat zu dieser Zeit beispielsweise monatliche Schwangerschaftskontrollen durchgeführt, Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche verboten, sowie das Gehalt der Frauen an ihr Kinderkriegen gekoppelt. In den USA der 1980er Jahre wurde hingegen unter Ronald Reagan das Amt für häusliche Gewalt geschlossen, während Morde im Zusammenhang mit sexueller Nötigung und häuslicher Gewalt um 160 Prozent anstiegen. Gleichzeitig setzten Abtreibungsgegner Kliniken für Schwangerschaftsabbrüche in Brand und der Gesundheitsdienst hörte auf, legale Abtreibungen zu finanzieren. Nach dieser Logik ist Gilead eine mögliche Fortsetzung der realen Welt des Jahres 1984.

Es wird also deutlich, dass Atwood in dem Buch ihre Besorgnis um eine zu Teilen bereits eintretende Gegenreaktion, auf die Frauenbewegungen der 60er bis 80er Jahre ausdrückt. Interessanterweise lässt sich The Handmaid’s Tale jedoch auch als eine Kritik an dem Feminismus der zweiten Welle lesen. Dieser setzte um 1960 ein, wurde jedoch schon bald bemängelt, war er nämlich eher exklusiv als inklusiv und fokussierte hauptsächlich auf weiße Mittelklasse-Frauen. Das führte zu der Formierung einer Vielzahl von Untergruppen. Anstatt gemeinsam an demselben übergeordneten Ziel zu arbeiten, nämlich auf die politische Dimension des Privaten hinzuweisen, haben die Feministinnen der Zweiten Welle häufig separate, oft auch miteinander im Konflikt stehende Wege verfolgt. Mit dem Ergebnis, dass die Untergruppen um Autorität und Anerkennung konkurrierten, wodurch sie eine weibliche Solidarität untergruben.

Dieser Mangel an weiblicher Solidarität wird in The Handmaid’s Tale zum Teil kritisiert. So scheint durch, dass die Machtübernahme nur möglich war, weil die Frauen in den Zeiten vor Gilead, keine gemeinsame Identität hatten, durch die sie dem Staatsstreich hätten entgegenwirken können. Die wenigen Proteste vor der Machtübernahme hat Offred beispielsweise nicht besucht, weil ihr Mann sie auf die Zwecklosigkeit hinwies – sie solle lieber an ihn und die Tochter denken. Auch die Machtstruktur innerhalb Gileads lässt sich nur aufgrund der Unverbundenheit aufrechterhalten: schließlich sind es die Aunts, ebenfalls Frauen, die die Handmaids nicht nur ausbilden, sondern auch kontrollieren und bestrafen und dafür zuständig sind, die Rituale der Gesellschaft Gileads zu stärken.

So scheint durch, dass die Machtübernahme nur möglich war, weil die Frauen in den Zeiten vor Gilead, keine gemeinsame Identität hatten, durch die sie dem Staatsstreich hätten entgegenwirken können.

Überhaupt nehmen die Aunts eine interessante Rolle ein. Sie gehören zu den wenigen Frauen, denen Macht anvertraut wird. Sie wissen diese auch zu nutzen beziehungsweise auszunutzen und ermöglichen damit die Repression anderer Frauen. An anderer Stelle schreibt Atwood dazu: Macht ist immer relativ und in schwierigen Zeiten ist jede beliebige Menge an Macht besser als gar keine. In einem System, in dem Frauen insgesamt wenig Macht haben, würden einzelne Frauen sich also immer über andere stellen. Dass ihnen überhaupt Macht zukommt, ist kein ungewöhnliches Merkmal von Herrschaftssystemen im Allgemeinen. Denn, so steht es im Abschlusskapitel des Buches, kein einziges gewaltsam aufgezwungenes Imperium sei jemals ohne die Kontrolle der Einheimischen durch Mitglieder ihrer eigenen Gruppe ausgekommen.

Aber auch einzelne Aspekte der unterschiedlichen feministischen Untergruppen der Zweiten Welle werden im Roman kritisch gesehen. Den Ideen des besonders extremen radikalen Feminismus, die – zugespitzt formuliert – alle Männer zu Feinden erklären und einen Krieg zwischen den Geschlechtern proklamieren, konnte sich Atwood nicht anschließen. Sie wollte stattdessen Gleichberechtigung, die nicht über antagonistisches Verhalten erreicht werden sollte. Sie ist der Meinung, dass solch ein Kampf schnell zu heftigen, anti-feministischen Gegenreaktionen führen kann – eben solchen Gegenreaktionen, die in The Handmaid’s Tale weitergesponnen werden und dort zu der Gründung der patriarchalen Republik Gilead führen.

Übrigens lehnte Margaret Atwood zunächst ab, als feministische Schriftstellerin bezeichnet zu werden, weil ihr der Feminismus zu unklar geworden war. So sagte sie in einem Interview 1982, dass ‘Feministin’ zu einem Allzweckwort geworden ist. Damit lässt sich sowohl die Person, die der Meinung ist, dass Männer von Klippen geschubst werden sollten, als auch die Person, die es in Ordnung findet wenn Frauen lesen und schreiben dürfen, beschreiben.

Dennoch lehnt Atwood  nicht den Feminismus im Allgemeinen ab, sondern vorrangig den der Zweiten Welle. Deshalb hat sie den Feminismus für sich selbst definiert: sie glaubt an die Rechte der Frauen als gleichwertige Menschen bzw. an die Gleichwertigkeit von Menschen insgesamt und die Entscheidungsfreiheit. Wenn bei der Lektüre des Buches diese eigene Definition von Feminismus zur Grundlage genommen wird, wird deutlich, dass es trotz der Kritik an einigen feministischen Ausprägungen ein inhärent feministisches Buch ist. Denn letztlich skizziert die Dystopie ein durch und durch patriarchales System, in dem Männer ihre Vorherrschaft über Frauen zurückgewinnen. Dies stellt das Gegenbild zu Atwoods feministischem Verständnis dar: Hier herrscht weder Gleichheit, noch Entscheidungsfreiheit.

Da The Handmaid’s Tale in einem spezifischen historischen Kontext entstanden ist und auf die damalige Gegenwart eingeht, muss natürlich gefragt werden: Hat die Dystopie Gileads auch heute noch eine Relevanz? Sind wir nicht schon viel weiter mit der Gleichberechtigung?

Auch mit dieser Frage ließe sich ein ganzer Vortrag füllen, deshalb wollen wir nur auf zwei Aspekte eingehen, die verdeutlichen sollen, dass Atwoods Handmaid’s Tale heute leider so relevant ist, wie vor 35 Jahren. Das zweite Beispiel steht außerdem beeindruckend dafür, wie Literatur zurück in die Gesellschaft wirken kann.

In The Handmaid’s Tale gibt es eine Szene, die wir heute als Slut Shaming bezeichnen würden. Darunter verstehen wir die Kritik an Frauen, deren Auftreten und Verhalten als zu sexuell beurteilt wird. Das kann so weit gehen, dass Opfern von sexuellen Übergriffen selbst die Schuld zugewiesen wird aufgrund von ‚zu schlampigen‘ Verhaltens. In der Szene berichtet die Handmaid Ofwarren davon, wie sie als Teenager von mehreren Männern vergewaltigt wurde. Die anderen Handmaids skandieren: Ihre Schuld, sie hat sie gelassen. Auch Aunt Lydia vertritt als Sprecherin des Patriarchats die Position, dass vor dem Regimewechsel Vergewaltigungen und andere Formen sexueller und häuslicher Gewalt die Konsequenz dessen waren, dass Frauen zu viele sexuelle Freiheiten hatten. Sie hätten ihre Körper zu sehr zur Schau gestellt und Männer dadurch zu sexueller Gewalt verleitet. Ich weiß nicht, wie es Ihnen und euch geht, aber bei mir rufen diese Abschnitte sofort eine Vielzahl von Assoziationen wach – allesamt angesiedelt in der Gegenwart. Es lässt sich zum Beispiel fragen: Warum kriegen Töchter von ihren Eltern Vorschriften zu der Länge ihrer Kleider, und die Söhne nicht? Warum empfinden es viele Frauen als nicht sicher, während der Dunkelheit an bestimmten Orten zu sein?

Das zweite Beispiel ist besonders interessant, weil es die Rückwirkungen von Literatur in die Gesellschaft verdeutlicht. In den USA gibt es zwar keinen Ronald Reagan mehr, dafür aber einen Donald Trump, der sich immer wieder gegen reproduktive Rechte – also der selbstbestimmten Familienplanung von Frauen – und gegen Abtreibungen ausspricht. Auch in anderen Ländern wie Argentinien, England und Irland kam es während des letzten Sommers vermehrt zu Diskussionen über potentielle Einschränkungen der reproduktiven Rechte. All dies sind Momente, in denen Frauen die Kontrolle über ihre Körper abgesprochen werden sollen, ganz so wie in The Handmaid’s Tale. Diese Parallele haben auch viele Protestierende gesehen und sich kurzerhand dazu entschlossen, die Robe der Handmaids und ihre Assoziation mit weiblicher Unterdrückung zu ihrem Protestsymbol zu machen.

 

Die Bilder der Proteste zeigen unseres Erachtens, was Literatur alles bewegen kann – gerade auch im ‘nicht-fiktiven’ Bereich. Diese Visualisierung deutet darauf hin, dass die Lektüre des Buches bei den Protestierenden eine sehr viel stärkere Wirkung entfaltet hat als eine bloße Darbietung von Fakten zu Reproduktionsrechten, löst sie doch Emotionen aus und ermöglicht Empathie. Durch das Hineinversetzen in die Handmaids – hier durch das Tragen ihrer Kleidung sehr deutlich gemacht – durchleben Frauen, was es bedeuten könnte, wenn aktuelle Entwicklungen weiter gehen. Die Robe als Protestsymbol fordert alle Menschen zu eben dieser durch Geschichten vermittelten Empathie auf.

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Protest in Argentinien ( Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International von TitiNicola)

Wir denken, dass diese beiden Beispiele zunächst ausreichen sollten, um die fortwährende Relevanz des Buches im Hinblick auf die Kritik patriarchaler, frauenunterdrückender Strukturen und Tendenzen zu verdeutlichen. The Handmaid’s Tale liefert jedoch auch viele weitere Gegenwartsbezüge, die wir hier zwar nicht so ausführlich besprechen können, die aber zumindest nicht unerwähnt bleiben sollten.

So verdeutlicht The Handmaid’s Tale zum Beispiel eindrücklich die Gefahr von religiösem Extremismus. Damit wir uns nicht falsch verstehen, möchten wir ausdrücklich darauf hinweisen, dass das Buch nicht Religion im Allgemeinen kritisiert, sondern eben nur die Instrumentalisierung von einzelnen religiösen Aspekten, zur Legitimation des Herrschenden. Es verdeutlicht, wozu es führen kann, wenn aus einem umfassenden Werk, wie zum Beispiel der Bibel nur einzelne Passagen entnommen werden und kontextlos interpretiert und ausgelegt werden. Laut Atwood haben schon viele mit Hilfe einer solchen religiösen Fassade geherrscht. Auch das System Gileads beruht, wie bereits erwähnt, auf einer einzigen biblischen Geschichte.

Auch andere Themen, die heute nicht weniger relevant sind als damals, kommen in dem Buch zum Tragen. So zum Beispiel die Abhängigkeit von Technik und natürlich der Umgang mit extremen Umweltveränderungen. Doch “die Antworten die man von Literatur bekommt, hängen von den Fragen ab, die man an sie stellt,” wie Margaret Atwood sagt.

Das klingt natürlich alles recht dystopisch, zugegebenermaßen. Was ist denn dann das Utopische an The Handmaid’s Tale? Atwood selber verortet sie zweiteilig. Einmal in der Vergangenheit des Buches, also unserer Gegenwart, in der im Vergleich noch vieles besser läuft. Die zweite Utopie ist im Nachwort des Buches versteckt, in welchem eine Zukunft lange nach dem Untergang der Republik von Gilead beschrieben wird. In dieser Zukunft werden Gilead und die schriftlichen Überlieferungen von Offred wissenschaftlich untersucht – die persönliche Geschichte wird zum Zeitzeugendokument. Dieses erzählerisch wirklich sehr geschickte letzte Kapitel, gibt Raum für eine Unmenge an Interpretationen, aber vor allen Dingen gibt es auch Hoffnung und offenbart somit die kleine Utopie: Denn um berichten zu können, muss Offred dem Schrecken des Staates entkommen sein.

Wir persönlich sehen noch eine weitere Utopie in The Handmaid’s Tale. Diese verbirgt sich in der Macht der Reaktionen die das Buch hervorbringt. Atwood schafft es, durch die fiktive Welt von Gilead gesellschaftliche Fiktionen, wie zum Beispiel die der Machtposition von Männern gegenüber Frauen, aufzudecken. Die Geschichte zeigt immer wieder ihr utopisches Potenzial – durch alle Frauen, die das rote Handmaid’s Kleid für Proteste nutzen. Somit können Dystopien unglaublich utopische Wirkungen haben. Dies knüpft auch gut wieder an Atwoods Konzept der Anti-Vorhersage an, also der Vorstellung, dass die Beschreibung einer möglichen Zukunft dazu führen kann, gegenwärtige Tendenzen wahrzunehmen und zu verhindern.

Somit können Dystopien unglaublich utopische Wirkungen haben.

Geschichtlich gesehen enden Utopien meist nicht gut. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, wie es das Sprichwort sagt. Bedeutet das nun, dass Utopien destruktiv sind und wir uns gegen den Aufruf der Medien wenden sollten? Atwood zumindest würde dem widersprechen. Wenn wir uns nicht um Verbesserung bemühen, wird es schnell bergab gehen mit unserer Gesellschaft, so sagt sie. Natürlich müssen wir versuchen die Dinge besser zu machen, aber wir sollten vielleicht nicht gleich so weit gehen die Dinge perfekt zu machen, denn das führt zu Massengräbern. Richard Saage meint, dass jede Politik scheitern wird, “wenn sie keine Mehrheiten für den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft gewinnt. Unsere Gesellschaft muss sich also auf radikale Weise neu erfinden. Dazu brauchen wir Utopien, die eine ökologisch und wirtschaftlich mit sich ins Reine gekommene Gesellschaft schildern.”

Was wir unserer Meinung nach also brauchen, sind nicht einfach irgendwelche Utopien, sondern selbstkritische Utopien – oder besser noch Ustopien. Solche, die ihre eigene Unvollkommenheit erkennen, ihren eigenen fiktiven Charakter, wie Achebe sagen würde.

Literarische Fiktion zu verstehen ist eine Art, Menschen und menschliches Denken zu verstehen. Sie hilft, Gesellschaft umzudenken und Machtstrukturen zu hinterfragen. Solche Literatur kann uns auch lehren, die Fiktionalität von gesellschaftlichen Geschichten zu erkennen, unsere eigenen alltäglichen Geschichten als solche kenntlich zu machen. Denn wenn wir erkennen, was für Geschichten unsere Gesellschaft erzählt, können wir vielleicht auch anfangen neue zu erzählen.

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Die beiden Autorinnen Rebekka Diestelkamp und Marie Sprute

 


 

Literaturliste:

Margaret Atwood: The Handmaid’s Tale, Dire Cartographies. The Roads to Ustopia & Address to Amnesty International on the question of a writer’s political role in society

Hannah Arendt: The Human Condition, The Origins of Totalitarianism

Chinua Achebe: The Truth of Fiction

Alanna A. Callaway: Women disunited: Margaret Atwood’s The Handmaid’s Tale as a critique of feminism

Margaret J. Daniels, und Heather E Bowen: Feminist Implications of Anti-leisure in Dystopian Fiction. Journal of Leisure Research

Neil Gaiman: Face Facts: we need Fiction (Guardian, 2013)

Tara J. Johnson: The Aunts as an Analysis of Feminine Power in Margaret Atwood’s The Handmaid’s Tale. Nebula 1.2, 68-79

Madonne Miner: Trust Me: Rereading the Romance Plot in Margaret Atwood’s The Handmaid’s Tale. Twentieth Century Literature

Shirley Neuman: ‘Just a Backlash’: Margaret Atwood, Feminism, and The Handmaid’s Tale. University of Toronto Quarterly

Richard Saage: Renaissance der Utopie? (Utopie kreativ, 2007) & Brauchen Menschen Utopien? (Greenpeace Magazin, 2014) (https://www.greenpeace-magazin.de/brauchen-menschen-utopien)

Gero von Randow (ZEIT, 2017): Wir brauchen Utopien…
(https://www.zeit.de/2018/01/utopien-zukunft-traeume-revolution)

Posted by:transitioneer

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