Ein Mal im Monat präsentieren wir im Monthly Dreizeiler, was uns in letzter Zeit inspiriert hat, oder sogar augenöffnend war. Damit unser Blick dabei nicht von gedanklichen Scheuklappen eingeengt wird, sondern immer schön offen bleibt, gibt es hier auch Dreizeiler von unseren Co-Autor*innen. Diesmal und schon zum zweiten Mal von Marie. 

 

Von Sex, Macht und Wut

Buchempfehlung: Untenrum frei – Margarete Stokowski
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Obenrum frei ist untenrum frei.

Mir war nie die doppelte Bedeutung des Wortes ‚Scham‘ aufgefallen: einerseits das Gefühl der Scham im Sinne der Verlegenheit und Blöße, andererseits die Scham als Bezeichnung für die Geschlechtsorgane.

Wieso aber für unsere Geschlechtsorgane schämen? Margarete Stokowski macht in ihrem Buch Untenrum frei deutlich: untenrum frei zu sein gelingt nicht, ohne obenrum frei zu sein – und andersrum. Erst wenn wir uns obenrum – also im Kopf – von Scham, von Geschlechterrollen oder gesellschaftlichen Vorstellungen befreit haben, werden wir auch untenrum frei, gelingt uns beispielsweise gleichberechtigter Sex. Also: Ja, wenn wir über Sex reden, reden wir auch über die großen Machtfragen. Diese Verbindungen stellt Stokowski auf wunderbare, verständliche und schwarzhumorige Weise dar.

Wie kann es nun weitergehen in Richtung Gleichberechtigung und Freiheit? Vielleicht einfach mal indem wir alle wütend werden: „Sie sagen, dass wir von Hass getrieben sind, weil sie sich wundern, dass Frauen mal keine Harmonie und Liebe versprühen, sondern Forderungen haben. Aber Wut ist nicht dasselbe wie Hass. Hass will Zerstörung. Wut will Veränderung. Hass ist destruktiv, Wut ist produktiv.“  

Marie


Und wenn ihr nach der Lektüre nicht mehr genug von Margarete Stokowski kriegen könnt: Kein Problem, mit
Die letzten Tage des Patriarchats ist letztes Jahr bereits ihr zweites Buch erschienen.
– Marie

 

 

 

“Was kostet der Klimaschutz?”
“Oh. Ok, dann nehme ich ein kleines Wasser!”

– die Bundesregierung

Für jeden Mitgliedsstaat legt die EU mit der Lasteinteilungsentscheidung Grenzwerte für Emissionen fest: Für Verkehr, Gebäudeenergie, kleinere Fabriken und die Landwirtschaft. Diese vier Sektoren machen etwas die Hälfte der Gesamtemissionen Deutschlands aus. Seit letzter Woche steht endgültig fest: Deutschland wird diese Einsparziele verfehlen.

Erschreckend finde ich daran allerdings nicht nur die vermurkste Klimapolitik, sondern auch den Umstand, dass es den Bund ab 2020 so richtig viel Geld kosten wird, nichts getan zu haben. Denn in diesen Regelungen gilt nicht das Verursacherprinzip (Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) würde es Ressortverantwortung nennen). Stattdessen wird über einen Globalschlüssel die Rechnung auf den gesamten Haushalt verteilt. Beispielsweise werden im Verkehrsbereich, für den Andreas Scheuer (CSU) als Minister zuständig ist, bis zum Jahr 2030 bis zu 36 Mrd. € an Strafe erwartet, schreibt der Tagesspiegel Background Energie und Klima. Doch genau der bleibt tatenlos.

Dieser Umstand müsste doch eigentlich politische Alarmstimmung auslösen?

Bislang schienen die Folgen des Klimawandels für die Bundesregierung ein abstraktes Objekt zu sein. Jetzt resultiert aus ihrem Nichtstun ein konkreter, finanzieller Schaden. Deswegen hier mal vier kleine Einsteiger-Tipps für eine Bundesregierung, die wohl nicht so richtig weiß, wie das mit dem Klimaschutz geht:

Ab sofort könnte man Investitionen nicht in den Schaden, sondern in die Einhaltung der Klimaschutzziele stecken. Der Zukauf von Emissionsrechten, vor allem unter Verwendung von Steuergeldern, könnte transparent gemacht werden, um so zu zeigen, wie viel Geld schon in den Versuch fließt, Emissionen, die hier entstehen, woanders „einzusparen“. Und dieses Jahr sind Wahlen: Zuerst in Europa, dann in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Hier könnte man versuchen, zu punkten, indem die Verantwortung nicht hin und hergeschoben wird, sondern endlich jemand zu gemachten Versprechen steht.

Und last, but not least: Ein Tempolimit könnte ein erstes, zartes Symbol sein, Abschaffung klimaschädlicher Subventionen, wie für Kerosin, auch. Aber was weiß ich schon. – Laura

 

Politik, die auf Körper wirkt

Buchempfehlung: Wer hat meinen Vater umgebracht – Édouard Louis

 

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Klingt wie ein Krimi, ist aber keiner.

Ich neige nicht zum Fandom. Nicht mal während der Pubertät schafften es No Angels oder Tokio Hotel als Sammelposter an meine Wand. Erst in letzter Zeit bemerke ich manchmal ein Gefühl von Verehrung in mir aufsteigen, zumeist angesichts exzellenter Bücher und Autor*innen. Im vergangenen Monat traf es das Wunderkind der französischen Soziologie: Den 26-jährigen Édouard Louis, der im Januar sein drittes Buch veröffentlichte.

 

 

 

 

 

In Wer hat meinen Vater umgebracht spricht er brutal offen über die  Umstände und Verletzungen seiner Kindheit in der französischen Arbeiterklasse, die sich allesamt in der Figur des eigenen Vaters vereinen: Als der junge Louis beispielsweise bei einer Tanzaufführung die Frontsängerin spielt, verlässt der Vater wortlos den Raum. Zugleich schimmert in dem Buch so viel Mitgefühl für diesen Mann durch, dass ich mehrmals ziemlich schlucken musste. Louis spricht nicht über seinen Vater, sondern richtet sich direkt an ihn: “Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest verschwinden”, steht da, aber eben auch: “Ich habe oft das Gefühl, dass ich dich liebe.”

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Wer ranzoomt, sieht mehr.

Allein eine Sprache für die eigenen Gefühle zu finden, wäre schon Meisterleistung genug. Zusätzlich verknüpft Louis aber die individuelle Geschichte seines Vaters mit den Entscheidungen der Politik. Denn Gesetzesänderungen und politische Machtwechsel treffen die Arbeiterklasse nicht nur als Objekt, sondern werden für sie am eigenen Leib spürbar:

„Die Herrschenden mögen sich über eine Linksregierung beklagen, aber keine Regierung bereitet ihnen jemals Verdauungsprobleme, keine Regierung ruiniert ihnen jemals den Rücken, keine Regierung treibt sie jemals dazu, ans Meer zu fahren. Die Politik verändert ihr Leben nicht oder kaum. Auch das ist eigenartig: Sie bestimmen die Politik, obgleich die Politik kaum Auswirkungen auf ihr Leben hat. Für die Herrschenden ist die Politik weitgehend einer ästhetische Frage: eine Art, sich zu denken, sich zu erschaffen, eine Weltsicht. Für uns ist sie eine Frage von Leben und Tod.“

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Und ein weiteres Highlight: Endlich wieder draußen lesen!

By the way: Louis bezieht sich auf Pierre Bourdieu und Michel Foucault. Das heißt ganz und gar nicht, dass man diese gelesen haben muss, um Wer hat meinen Vater umgebracht zu verstehen. Wer die Theorien der beiden französischen Soziologen toll findet, sie aber nicht so richtig greifen kann, wird dieses Buch dennoch lieben!
– Emma

 

Pionierinnen des Wandels

25 Frauen Award von Edition F

Edition F kührt jedes Jahr 25 Frauen, die mit ihrer Stimme unsere Gesellschaft bewegen. Vor einer Woche ging auf der Female-Empowerment-Plattform eine Liste mit einer fantastischen Frau nach der anderen online.

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Abgesehen davon, dass wir es schade finden, dass diese 50 fantastischen Frauen um die Hälfte halbiert werden, damit nur 25 von ihnen den Preis gewinnen – Konkurrenzkampf ahoi! – sind wir ziemlich beeindruckt: Jede dieser Frauen trägt auf ihre Weise zu einer faireren, diverseren und gerechteren Zukunft bei.

Wir waren erstaunt darüber, wie viele Frauen wir noch nicht kannten. Das zeigt doch wie wichtig solche Formate sind. Alle sollten wir vermutlich kennen und ihr auch: Also schaut euch die kurzen Portraits an und lasst euch inspirieren!
– Emma & Laura

 

Wanted! Wir brauchen euch!

Am Dienstag, 02. April, um 18 Uhr gehts los. Da seid ihr ganz herzlich ins AKTI (Norderstraße 49, Flensburg) eingeladen.

Was da abgeht? Unsere erste, richtig echte Redaktionssitzung geht da ab!

Uns wächst nämlich nicht nur die Arbeit über den Kopf, sondern wir möchten auch, dass transitioneer viele verschiedene Stimmen und Menschen zusammenbringt. Deshalb suchen wir nach Co-Autor*innen, die eine Meinung haben, die sich positionieren wollen, die Lust haben zu recherchieren, zu schreiben, zu illustrieren und zu fotografieren. Gemeinsam wollen wir gesellschaftlichen Wandel erforschen und diskutieren.  

Wir freuen uns, euch kennenlernen zu dürfen und über alle, die kommen. Ob ihr schonmal was geschrieben habt oder nicht, ist völlig zweitrangig. Nur Lust mit uns zu arbeiten solltet ihr haben. Alle weiteren Informationen gibt es dann beim allerersten, hochoffiziellen Redaktionstreffen! – Emma & Laura

Posted by:transitioneer

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