„Die Ozeane sind jener Ort, an dem die meisten unserer Abfallprodukte landen. Alles, was in Flüsse und in diese mündene [sic] Grundwasserkörper eingebracht wird, landet endgültig im Meer, und die Größe der Weltmeere lädt geradezu dazu ein, alles Unerwünschte hier abzuladen.“ – Jörg Ott, Meeresbiologe, 1996

Liest man diese über 20 Jahre alten Zeilen, könnte man meinen, einer Schallplatte mit einem Sprung zuzuhören, deren Furche mit jeder Umdrehung tiefer wird: Trotz wissenschaftlicher Studien, immer dringlicherer Warnungen und sogar sichtbarer Folgen, nimmt die Menge an Kunststoff, die in die Gewässer gerät, in den letzten Jahrzehnten stetig zu. Aktuelle Berechnungen gehen davon aus, dass jährlich zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikabfall weltweit in die Meere gelangen.

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Ein großer Teil des Plastiks treibt dabei in Strömungen an der Meeresoberfläche. Die Bilder des „Great Pacific Garbage Patch“ kennen die meisten aus den Medien. Der Strudel wird momentan auf eine Größe von ca. 1,6 Millionen Quadratkilometern geschätzt. Das entspricht viermal der Fläche Deutschlands.

Und hier befinden wir uns nur an der Oberfläche der Meere: Mikroplastik treibt unsichtbar im Freiwasser und sedimentiert auf dem Meeresboden.

Kleiner (Auffrischungs-)kurs zum Thema Mikroplastik: Mikroplastik sind Partikel von einer Größe von bis zu 5 mm. In Fachkreisen wird die Größe von Mikroplastik meist im Mikrometerbereich angegeben. Ein Mikrometer ist ein Millionstel eines Meters und ein Tausendstel eines Millimeters. Ein menschliches Haar beispielsweise, hat einen Durchmesser von ca. 150 Mikrometern.

Forscher*innen unterscheiden außerdem zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik. Das primäre Mikroplastik sind in der entsprechenden Größe produzierte Partikel, welche beispielsweise in Kosmetika verwendet werden und durch die Abwassersysteme direkt in die Gewässer gelangt. Das sekundäre Mikroplastik hingegen entsteht aus größeren Plastikteilen, die sich durch Abrieb und UV-Strahlung stetig verkleinern. Auch der Verlust von Zusätzen, die dem Plastik eigentlich die Haltbarkeit geben, trägt zur Entstehung dieser winzigen Partikel bei. Aus größeren Plastikteilen entsteht also oft Mikroplastik, weshalb die Diskurse über beide Formen der Umweltverschmutzung kaum getrennt stattfinden können.

Trotz der erschreckenden Faktenlage wird die „Apokalypse“ des Mikroplastiks allerdings bisher marginal behandelt. Dabei finden sich viele Parallelen zu anderen großen Umweltthemen unserer Zeit:

Erstens ist die Plastikverschmutzung anthropogenen Ursprungs, also von Menschen verursacht und das schon seit über 100 Jahren. Im Gegensatz zur globalen Erwärmung, sind bisher übrigens auch keine Leugner der Problematik bekannt. Immerhin schonmal etwas!

Zweitens sind die Folgen der Plastikverschmutzung in vielen Fällen irreversibel: Plastik ist biologisch nicht abbaubar, es verändert sich nur in seiner Größe. Es ist davon auszugehen, dass die Größe sich in Zukunft in den Nanometer-Bereich verschieben wird, Plastik aber nie ganz verschwindet.

Drittens hat die Plastikproduktion und die -verschmutzung eine erdgeschichtliche Relevanz erreicht. In Anlehnung an das Anthropozän, wird deshalb auch vom „Plastozän“ gesprochen.

Viertens hat die Plastikverschmutzung ein globales Ausmaß erreicht. Im Jahr 2015 belief sich die weltweite Produktion von Plastik auf mindestens 380 Millionen Tonnen jährlich. Im gleichen Jahr, wurden allein in Deutschland circa 500 Tonnen primäres Mikroplastik Kosmetika und somit quasi automatisch den Abwässern zugeführt. Die Wissenschaftler*innen des Alfred Wegner Instituts (AWI), fanden zudem heraus, dass sich im arktischen Meereis bereits bis zu eine Million Plastikpartikel in einem Kubikmeter Eis befinden. Durch Strömungen wird Plastik sogar dorthin getrieben, wo Menschen kaum anwesend sind. Es besteht die Vermutung, dass sich unter dem Eis ein weiterer Müllstrudel befindet.

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Und last but not least, für diejenigen, die bisher noch nicht beeindruckt sind: Fünftens geht von Mikroplastik ein Risiko für die Gesundheit aus. Die TAZ beispielsweise berichtet von Forschungen aus Österreich, die bewiesen haben, was schon vermutet wurde: Mikroplastik befindet sich auch im menschlichen Körper. Was es dort genau anrichtet, ist noch nicht in Gänze herausgefunden.
Davon geht jedoch ein hohes Risiko für die Gesundheit aus. Größere Partikel, die sich im menschlichen Organismus befinden, können Entzündungen hervorrufen. Treten aus den Partikeln Additive, also Zusätze, aus, wie beispielsweise Bisphenol A (BPA), können diese u.a. hormonelle Veränderungen bedingen, die zu schwerwiegenden Erkrankungen führen können.

Durch die anthropogenen Ursachen, das hohe Risiko an Irreversibilität, die erdgeschichtliche Relevanz, die Globalität und das gesundheitliche Risiko, reiht sich die Mikroplastik Sache ein, in die lange Liste der globalen Katastrophen: Klimawandel, Artensterben und Neoliberalismus, um nur einige zu nennen. Dabei bedingen diese Faktoren bzw. Auswirkungen sich auch untereinander und nähren sich gegenseitig.

Diese Parallelen zeigen abermals, dass das Problem einen weltweiten Diskurs erfordert und wie dringlich es noch intensiver fokussiert werden muss. Auch wenn das Bewusstsein dafür wächst, weniger Produkte aus Plastik zu nutzen und es hoffnungsvolle Initiativen und auch Gesetze hinsichtlich der Beseitigung von Plastikmüll gibt, darf dennoch nicht vergessen werden, dass die Verschmutzung in extremer Form vorhanden ist und bereits viele Ökosysteme in teilweise unumkehrbarer Form infiltriert hat.

Die Analyse und das Identifizieren von Mikroplastik, mithilfe technischer Möglichkeiten, muss weiter vorangetrieben werden.

Unabhängig von Veränderungen, die auf gesellschaftlicher Ebene und in unserem kulturellen Umgang mit Plastik ohnehin stattfinden müssen, gibt es einen weiteren Handlungsbereich, der vorangetrieben werden muss: Die Analyse und das Identifizieren von Mikroplastik, mithilfe technischer Möglichkeiten. Trotz der relativ jungen Forschung – Mikroplastik wurde erst 2004, definiert und benannt – gibt es bereits einige Analysemethoden, die auf jeweils unterschiedlichen technischen Herangehensweisen basieren.

Als state of the art gilt die Fourier-Transform-Infrarot-Spektroskopie (kurz: FTIR). Bei der FTIR werden ausschließlich die molekularen Spektren gemessen. Interpretationen und somit Fehleinschätzungen durch Menschen werden hier ausgeschlossen. Da Polymere, also Kunststoffe, aufgrund ihrer Molekülstruktur ausgeprägte und jeweils individuelle Infrarot-Spektren aufweisen, eignet sich die FTIR sehr gut zur Identifikation. Partikel können so schnell als ein bestimmtes Polymer, also als ein bestimmtes Plastik, erkannt werden. Hier zeichnet sich die FTIR gegenüber lichtmikroskopischen Analysen aus, bei denen sich verschiedenste Kleinstteile optisch kaum von anderen Partikeln wie Sand, Plankton, Glas und anderen Sedimenten unterscheiden. Tatsächlich ist Mikroplastik nur aufgrund seiner molekularen Zusammensetzung sicher identifizierbar.

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Progressiv ist bei der FTIR jedoch vor allem der Umgang mit den gesammelten Daten. Diese werden vom zuständigen Institut des AWI nicht nur erhoben, sondern über Datenbanken der wissenschaftlichen Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

Es gibt zwar andere Datenbanken mit ähnlichen Informationen, diese können jedoch gegenwärtig nicht frei genutzt werden. Das AWI geht somit einen großen und innovativen Schritt in Richtung der Open Data/ Open Access und erhöht die interdisziplinäre Nutzungswahrscheinlichkeit.

Durch das genaue Definieren der Polymere und ihrer häufigsten Eintragsorte, kann das Ausmaß der Mikroplastik-Emission außerdem konkreter sichtbar gemacht und so im globalen Diskurs priorisiert werden. Die ermittelten Daten können zudem dazu führen, dass die Wissenschaft ihre Forschung gezielter und effizienter bestreiten und sich besser als zukunftsrelevanten Forschungszweig etablieren kann. Eintrittswege und -orte und dadurch Verantwortliche sind außerdem leichter zu adressieren und gegebenenfalls sogar haftbar zu machen. Zusätzlich müssen jedoch Kunststoff-Konzerne und deren Lobby auch daran gehindert werden, mit eigenen, oftmals falschen Studien zu argumentieren, die behaupten dass Kunststoff nicht per se gesundheitsschädlich sei.

Unsere Technik hat Kunststoff und die damit einhergehenden Probleme geschaffen, ist andererseits aber auch wichtig in der weiteren Prävention und Problemlösung.

So wichtig diese technischen Neuerungen, wie auch die bereits erwähnten Gesetze sind, so wichtig ist auch die politische Hinwendung zu dem Diskurs: Auf global politischer Ebene wäre die Ausrufung eines „International Panel for Plastic Pollution“ JETZT dringend erforderlich. Einen Anfang gemacht hat schon die Plastic Pollution Coalition (PPC).

Jan Scholz
Jan Scholz

 


Die Grundlage für diesen Artikel bildet der vierzig-minütige Vortrag, den Jan zusammen mit Caroline Ruffing, im Rahmen der Zukunftsgestalten Konferenz im Januar hielt. Die Illustrationen hat Laura gemacht und es sei an dieser Stelle betont, dass die Illustrationen keinen Anspruch auf wissenschaftliche Evidenz haben.

Posted by:transitioneer

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