Wachstum, Wachstum und noch mehr Wachstum – das ist nicht nur das Motto sämtlicher Unternehmen, es ist ebenso das Credo fast aller Staaten dieser Erde. Auch für viele zwischenstaatliche Institutionen der Vereinten Nationen, wie die Weltbank oder den IWF, ist Wachstum ein Kernziel. Unter den 17 Sustainable Development Goals der UN ist Ziel Nr. 8: Wachstum. Nachhaltiges, ökologisches natürlich.

Für viele armutsgeplagte Staaten mag das Sinn ergeben. Aber was ist mit uns im Globalen Norden? Schwimmen wir nicht geradezu in materiellem Reichtum? Müsste der vorhandene Reichtum nicht einfach nur gerechter verteilt werden? Und wenn Wachstum gleichzeitig auch Umweltzerstörung und Klimawandel bedeutet, und sich immer mehr profilierte Wissenschaftler*innen für eine Welt ohne Wachstum einsetzen, warum ist Wachstum immer noch das oberste Ziel aller westlichen Regierungen?

Gehen wir ein paar Jahrzehnte zurück. Deutschland in den 1950ern und 1960ern: Das sogenannte Wirtschaftswunder beschert dem Nachkriegs-Deutschland ein nie gekanntes Wohlstandsniveau. Die Wirtschaft brummt, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Die Unternehmer*innen verdienen immer mehr Geld, ebenso beziehen die Arbeitnehmer*innen immer höhere Löhne, während zugleich vielerlei Produkte immer erschwinglicher werden. Kurzum: Alle gewinnen. Soziale Ungleichheiten zwischen Arm und Reich bleiben zwar bestehen, verlieren aber an Bedeutung. Denn selbst die einfache Arbeiterfamilie wird vergleichsweise wohlhabend, kann sich Haus, Auto und einen stets gedeckten Tisch leisten. Wirtschaftswachstum entwickelt sich in dieser Zeit zum Allheilmittel. Es schafft Wohlstand für alle, sorgt für sozialen Ausgleich und löst damit ein ganzes Bündel sozialer und wirtschaftlicher Probleme auf einen Wisch.

Davon, dass Wachstum Wohlstand für alle garantiert, kann heute keine Rede mehr sein.

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Zurück ins Jahr 2019: Das gesamtgesellschaftliche Wohlstandsniveau in Deutschland ist nach wie vor hoch. Soziale Ungleichheiten verschärfen sich jedoch zunehmend. Wohlstandsgewinne gehen vor allem in die Chefetagen. Der Anteil vom Kuchen, der an die große Bevölkerungsmehrheit der Arbeitnehmerschaft geht, wird immer kleiner. Davon, dass Wachstum Wohlstand für alle garantiert, kann heute keine Rede mehr sein. Stattdessen sorgt unsere wachsende nationale und auch die Weltwirtschaft für stetig steigenden Ressourcenverbrauch, immer mehr Schadstoffemissionen und wachsende Abfallberge.

Was das bedeutet?

Umweltverschmutzung in all ihren Formen, von nitrat-verseuchten Böden, über chemisch verunreinigte Gewässer, bis hin zu fast kontinentgroßen Plastikmüllinseln im Meer. Außerdem: hochgefährlicher Atommüll, als Ergebnis des überbordenden Energieverbrauchs, von dem keiner weiß, wie man ihn jemals entsorgen können wird. Hier könnten noch einige andere Dinge stehen.

Allein der Klimawandel ist aber eigentlich ein zwingender, für Bevölkerungen des Globalen Südens sogar existenzbedrohender Grund, das Wirtschaftswachstum sofort zu beenden.

Warum tun wir aber genau das nicht?

Darauf gibt es sicherlich mehrere Antworten. Eine davon liegt in unserer Kultur begründet. Das Wachstumsparadigma ist Teil unserer gesellschaftlichen Ideologie und geht davon aus, dass alle sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme mit Wachstum lösbar sind. – In der Zeit des Wirtschaftswunders erwies sich diese Theorie als plausibel. Seither gilt sie in der westlichen Welt vielen als bewiesen. (Dass die Generierung des Reichtums des Globalen Nordens auch damit zusammenhängt, dass er den Globalen Süden strukturell ausbeutet, blieb und bleibt dabei unbeachtet.)

Wie gesagt, die Theorie greift nicht mehr. Das Wachstum hat seine Funktion als Allheilmittel längst verloren.

WAchstum_Allheilmittel

Die Gemächlichkeit kollektiver Erkenntnisprozesse ist dabei nicht das einzige, was den Weg in eine Postwachstumsgesellschaft gegenwärtig versperrt. Es sind vor allem auch strukturelle Gründe, die eine Abkehr vom Wachstum verunmöglichen.

Ein konkretes, und realpolitisch absolut zentrales Beispiel ist die Erwerbsarbeit. In Zeiten voranschreitender Automatisierung von Erwerbsarbeit, geht selbige tendenziell verloren. Eine Studie aus Oxford spricht von 47% gefährdeten Jobs. Zwar werden die Ergebnisse gerne überinterpretiert – die Studie sagt nicht, dass knapp die Hälfte aller Jobs wegfallen werden, sondern lediglich, dass sie gefährdet sein könnten, was ein Unterschied ist – die Tendenz ist jedoch klar: Viele Jobs könnten in Zukunft von Maschinen übernommen werden.

Das stellt für eine Gesellschaft, die die soziale Sicherheit ihrer Individuen an die Ausübung einer Erwerbsarbeit knüpft, natürlich ein gewaltiges Dilemma dar. – Denn wer keine Arbeit hat, kann innerhalb moderner Strukturen kaum leben, weil er oder sie das durch Lohnarbeit erworbene Geld braucht, um sich zu versorgen. Wer keine Erwerbsarbeit hat, hat auch im Alter ein Problem, denn seine oder ihre Rente wird denkbar mickrig ausfallen.

Um den Bogen zur kulturellen Ebene zurück zu schlagen: Arbeit ist in unserer Kultur das Mittel zur gesellschaftlichen Integration. Längerfristig arbeitslos zu sein, bedeutet sozialen Abstieg und Stigmatisierung. Wer in den letzten zehn Jahren RTL II geschaut hat, weiß, wie abfällig unsere Gesellschaft auf Arbeitslose schaut.

Jede Regierung, egal ob schwarz oder rot, grün oder gelb, sieht sich deshalb einem strukturell bedingten Zwang ausgesetzt: Dem absehbaren Verlust von Vollzeit-Arbeitsplätzen durch Automatisierung muss entgegengetreten werden. Wie? Die naheliegendste, weil politisch eingeübte Lösung: Durch Wachstum! Denn Wachstum schafft schließlich Arbeitsplätze.

Da Wachstum aber wie gesagt, dummerweise Umweltzerstörung und Klimawandel mit sich bringt, hat die Industrie eine Lösung erfunden, die von der Politik dankbar aufgenommen wird: Green Economy, wahlweise auch ‚Grünes Wachstum‘, oder ‚Nachhaltiges Wachstum‘. Was auf den ersten Blick fortschrittlich anmutet, entpuppt sich auf den zweiten als reines Greenwashing und weiteres Geschäftsfeld für eine Wachstumswirtschaft, die nun die steigende Nachfrage nach ‚grünem‘ Konsum befriedigen darf. Eine kurze Einführung in die simple Theorie der Green Economy: Das Wachstum soll vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden. Das heißt, die Produktion wird so effizient, dass ihr Energie- und Materialverbrauch, Emissionen und Abfall auf ein Minimum reduziert werden. Tatsächlich lässt sich feststellen, dass die weltweite Produktion über die vergangenen Jahre im Durchschnitt immer effizienter wurde. Das ist toll, sagt aber leider gar nichts darüber aus, wie hoch die insgesamten Ressourcenverbräuche, Emissionen und Abfallmengen liegen. Denn die steigen kontinuierlich an. Am Beispiel der CO²-Emissionen: lagen sie 1965 noch bei rund 11.000 Millionen Tonnen weltweit, sind wir schon 2015 bei über 35.000 Millionen Tonnen angekommen.

Mehr Effizienz bedeutet also nicht mehr Umweltfreundlichkeit. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Die wissenschaftliche Bezeichnung für dieses Phänomen heißt Rebound-Effekt und ist der Grund, warum Kapitalismus und Nachhaltigkeit unvereinbar sind und bleiben werden: Denn im Kapitalismus müssen Unternehmen wachsen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Deswegen nutzen sie tendenziell jeden Effizienzgewinn aus, um zu expandieren und mehr zu produzieren.

Wachstum, egal ob grün oder sonst wie, ist keine Option mehr.

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Also: Wachstum, egal ob grün oder sonst wie, ist keine Option mehr. Bezogen auf unser Arbeitsplätze-Dilemma bedeutet das, dass wir einen anderen Weg finden müssen, damit umzugehen, dass klassische Erwerbsarbeit weniger wird.

Ist doch eigentlich auch toll: Wer macht schon gerne körperlich anstrengende oder geistig unterfordernde Arbeit, die genauso gut von Maschinen übernommen werden könnte? Unser derzeitiges Problem ist, dass die historisch gewachsenen Strukturen der sozialen Sicherheit eng verbunden sind mit Erwerbsarbeit. Diese Bindung gilt es aufzuweichen.

Das erfordert ein fundamentales Umdenken: Denn es hieße, auch Menschen soziale Sicherheit zu gewähren, die nicht ‚arbeiten gehen‘. Aber was ist eigentlich Arbeit? Arbeitet zum Beispiel die Hausfrau im klassischen Rollenmodell etwa nicht?  Macht sie nicht vielleicht sogar eine viel verdienstvollere Arbeit, als ihr Mann, der als Vorstandsvorsitzender von VW mal so gar nichts zum Gemeinwohl beiträgt und dafür regelrecht mit Geld beworfen wird?

Die Höhe des Einkommens hat in unserer Gesellschaft leider überhaupt nichts damit zu tun, wie viel jemand wirklich verdient. Jeder Mensch verdient es allerdings, menschenwürdig leben zu können, und das bedeutet in einer Gesellschaft, in der alle strukturell von Fremdversorgung abhängig sind, Geld zu haben. „Wo soll all das Geld herkommen? Wer soll das denn finanzieren?“, fragen dann oft die gleichen Leute, die nur Erwerbsarbeit als Arbeit begreifen. Na zum Beispiel von denen, die viel mehr haben, als sie eigentlich brauchen.

Das Geld ist nämlich da – in rauen Mengen. Es muss nur umverteilt werden.

Posted by:mathiasrockenbach

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