Tatsächlich sexistischer Mist

– Warum ich vielleicht das letzte Mal „Tatsächlich Liebe“ gesehen habe

Ich bin ein großer Weihnachtsfan und stehe auf Traditionen. Dazu gehörte bisher auch das alljährliche Wiederschauen von Tatsächlich Liebe. Die britische Komödie aus dem Jahr 2003 verbindet neun verschiedene ‚romantische‘ Storylines, die sich in den sechs Wochen vor Weihnachten entfalten und führt sie beim Fest der Liebe zusammen. Zu sehen ist die ganze Riege der bekannteren britischen Schauspieler*innen der frühen 2000er. Grundsätzlich gilt: Fast alle Charaktere bekommen ihr Happy End. – Klingt erstmal schön, ist aber ziemlich problematisch.

Hier meine Top 5, warum ich den Film dieses Jahr vielleicht zum letzten Mal geschaut haben werde:

Erstens: Die Rollen der Frauen in diesem Film, sind ausschließlich die der Hausmädchen, Sekretärinnen, (arbeitslose) Mütter und Ehefrauen, Lichttesterinnen für Pornos oder Prostituierte(?). Keine einzige hat große berufliche Erfolge zu verzeichnen. Nur Sarah (Laura Linnley) arbeitet ganz “normal” in einer Werbeagentur. Aber hey, dafür bekommt sie kein Happy End. – Weil sie nämlich auch noch einen Bruder mit Behinderung hat, der in einer Pflegeeinrichtung lebt, sie regelmäßig anruft und für den sie sich verantwortlich fühlt. Das ist für Karl (Rodrigo Santoro), ihren Angebeteten, dann irgendwie doch zu viel.

Zweitens: Die Frauen haben in vielen Fällen nicht einmal richtige Sprechrollen. Grundsätzlich gilt: Je weniger eine Frau ihre Meinung äußert, oder überhaupt was sagt oder etwas in einer verständlichen Sprache sagt, desto eher ist sie ein begehrenswertes Objekt. Die einzige Frau, die nicht ständig sweet, sweet ist,  ist Karen (Emma Thompson) weil sie ab und zu ihre Meinung sagt. Dafür bekommt sie aber kein Happy End: Ihr Mann hat dann doch lieber ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Mia (Heike Makatsch).

Sowieso bekommen alle Männer, was sie wollen. Sogar der unsympathischste aller Charaktere – der Dumpfkopf Collin (Kris Marshall) muss nur in den USA aufschlagen und hat sofort Sex, mit vier Frauen auf einmal.

Drittens: Es gibt bei den neun ‚Liebesgeschichten‘(!) nicht eine Storyline, die ein homosexuelles Paar portraitiert. Alle sind richtig schön heteronormativ. Es ist sogar so, dass eine lesbische Storyline angelegt war und wieder gestrichen wurde, um den Film nicht zu überladen und, weil das irgendwie eine traurige Geschichte gewesen wäre, wie Pinknews weiß. – Vielleicht hätten sie lieber Dumpfkopf Collin streichen sollen!

Viertens: Fast alle in diesem Film sind weiß. Die einzigen beiden Charaktere of Color sind Peter (Chiwetel Ejiofor), der von seinem besten Freund Mark an seiner eigenen Hochzeit hintergangen wird. Und dann gibt es noch Tony (Abdul Salis), eher eine Nebenrolle und sogar in der Castliste auf Wikipedia vergessen.

Fünftens, und das finde ich eigentlich die Höhe: Stalking und sexuelle Belästigung werden in dem Film als Beweise von Liebe, oder zumindest als akzeptabel, dargestellt.

Mark (Andrew Lincoln) ist nicht süß, wenn er Juliet (Keira Knightley) bei ihrer Hochzeit filmt, dieses Video aufbewahrt und vermutlich immer wieder anschaut. Er ist auch nicht süß, wenn er an Weihnachten vor ihrer Tür auftaucht und ihr seine Liebe gesteht, sondern er hintergeht seinen besten Freund und ist ein creepy Stalker. Juliet hingegen findet das völlig in Ordnung und gibt ihm zur Belohnung noch einen Kuss. Hallo?

Natalie (Martine McCutcheon) wird vom Präsidenten der Vereinigten Staaten (Billy Bob Thornton) sexuell belästigt. Anstatt, das öffentlich zu machen und ihn anzuklagen, muss sie sich für den Rest des Films rechtfertigen und verliert sogar ihren Job darüber – Denn David (Hugh Grant) ist dieser struggle dann doch zu viel. Hallo?

Es liegt noch mehr im Argen: Warum bitte wird Natalie ständig gefatshamed? Es besteht überhaupt kein Grund ihre Rolle ständig auf ihr Aussehen zu beschränken.

Während der gesamten Storyline in Frankreich führen die beiden Protagonisten*innen nicht eine Konversation, bevor sie sich das Ja-Wort geben. Das alleine wäre schon reichlich absurd. Obendrein hat es zumindest den Anschein von sexueller Ausbeutung von Frauen in prekären finanziellen Verhältnissen.

Ich bin keine besonders gute Rant-Schreiberin und möchte euch auch eigentlich ungerne einen eurer Lieblingsweihnachtsfilme vermiesen, auch wenn ich der Meinung bin, dass das nun einmal leider ab und zu dazu gehört, wenn man diese Gesellschaft verändern will. #bequemisover  

Wir weinen mit Emma Thompson… darüber, dass sie kein
Happy End bekommt und über diese ganzen Klischees

Andererseits ist es vielleicht tatsächlich mal Zeit für einen neuen, liebsten Weihnachtsfilm, der weniger vor Gender-Klischees und Sexismen strotzt und dafür tatsächlich Liebe ausstrahlt. Was schaut ihr denn so?

Wer etwas genauer wissen will – Szene für Szene – liest sich diesen epischen Rant durch, der schon vor fünf Jahren verfasst wurde. (Ja, I am late to this game.) – Das zu lesen, macht so viel Spaß, wie den Film durch naive Augen anzuschauen. Vielleicht ist das ein kleiner Trost für diejenigen, die Tatsächlich Liebe nun nicht mehr schauen können/wollen/werden. – Emma

 

Artefact — Globales Lernen Lokales Handeln

Anfang Dezember hatten Emma und ich ein Wochenende lang im Gästehaus von artefact in Glücksburg Zeit dafür unseren transitioneer-Masterplan für kommendes Jahr (aka. bis 2023) zu erarbeiten. Im Rahmen des Jungen Engagements konnten wir uns mit Menschen, die noch nie von transitioneer gehört hatten, über unsere und ihre Ideen austauschen.

Wäre uns dieses Glück nicht vor die Füße gefallen, wären wir wahrscheinlich nie bei artefact gelandet. Die Anlage des Erlebnisparks ist mit vielen Stationen ausgestattet, an denen Groß und Klein erfahren können, wie Energie (auf alternative Art und Weise) in Strom umgewandelt wird. Ob es nun Solarzellen sind, oder ein Fahrrad, mit dem man Strom erzeugen kann. Zugegeben: Im Winter ist der Powerpark bei Regen und mit kahlen Bäumen nicht so attraktiv, wie er es im Sommer sein kann. Dann aber kann man, nah am Meer, den ganzen Tag hier verbringen.

Was Emma und mich glückselig gemacht hat, war die Architektur und Atmosphäre des Gästehauses. Natürliche Lehmbauweise, viel Holz, warme Erdtöne und runde Kuppeln machen das Gästehaus, samt Küche, viele Appartments, Forum, Innenhof und Werkstätten zu einem Ort, an dem wir uns pudelwohl fühlten. Besonders wenn der norddeutsche Regen auf die runden Glaskuppeln der Dächer prasselt und man von der Fußbodenheizung, mit Wärmerücklauf, nach einem langen Spaziergang aufgewärmt wird. – Laura

 

Das Weibliche Prinzip

Diesen Monat hat ein Buch mich total in Beschlag genommen: Das weibliche Prinzip. Im Buchladen bin ich ewig darum herum geschlichen, weil ich eigentlich keine Romane lese und sowieso auch gar keine Zeit hatte; dann konnte ich dem wunderbaren, bunten Cover doch nicht mehr widerstehen.

Meg Wolitzer Das Weibliche Prinzip Cover

Ohne zu Spoilern kann ich sagen: es geht um nichts weniger als Macht, in all ihren schillernden Farben und Formen. An diesem Grundmotiv entlang  verwebt Meg Wolitzer die Konflikt- und Handlungslinien des Romans. Und die haben es in sich.

Denn mehr als einmal fühlte ich mich erwischt und so als würde ich aus meinem Körper schlüpfen und schweben – wie die Beobachterin meines eigenen  Lebens, in all seinen moralischen Höhen und Tiefen. Ich beobachte die junge Greer Kadetsky dabei, wie sie sich als politisches Subjekt begreift und sich und ihre Handlungen reflektieren lernt. Ich kann sie und die anderen Protagonist*innen in Situationen untereinander beobachten, die eben so wie ich, ‘falsche’ Entscheidungen treffen – ich möchte schreien! Und sowie ich aus dem Buch heraus, in meinen Körper zurückschlüpfte, fragte ich mich: Gibt es den einen, zeitlosen Feminismus, der allen anderen Feminismen zugrunde liegt?

Und ich bin unsicher: Bin ich Mittelstandsfeministin? Das klingt abwertend und ich will es nicht sein. Wo zur Hölle gehöre ich eigentlich hin? – Laura

 

Heute Kinder,

kann ich euch aufgrund von Urheberrechten nicht mein Lieblingsgedicht von Erich Kästner credenzen. Weil andere das aber dürfen, müsst ihr nicht leer ausgehen! Es heißt Morgen Kinder, wirds nichts geben  und erinnert uns daran, dass es nicht alle so schön muckelig haben, wie wir. Das war 1928 nicht so und ist heute nicht so. – Laura

 

Das war unser dritter monatlicher Dreizeiler – mit den gewohnten mehr Zeilen. Und natürlich die wichtigste Frage: Was habt ihr eigentlich diesen Monat so entdeckt und für gut befunden? Sharing is caring! Lasst es uns wissen!

Wir wünschen euch frohe Feiertage!  – egal ob Weihnachten euer Ding ist oder nicht.
Wir freuen uns auf das neue Jahr mit euch!

wohe freinacht

 

Posted by:transitioneer

3 Antworten auf „Der Monthly Dreizeiler über tatsächlich sexistischen Mist, unseren Ausflug zu Artefact, das neueste feministische Lieblingsbuch und ein Gedicht zur Besinnung

  1. Homosexuelle stellen wohl 5% der Bevölkerung. Bei 5 Storys sind sie also statistisch noch nicht dran. Warum, sollten sie überproportional vertreten sein, nur der Show wegen?
    Ich glaube viele Filme sind thematisch nicht in die aktuelle Zeit zu retten, haben sich überlebt. Entweder man lässt sich auf die Fiktion ein, oder schaut es nicht. Ich schau es einfach nicht. Das Aschenputtel Thema hat ja Tradition, irgendwie und warum auch immer stehen vorrangig Frauen darauf.
    Wenn krampfhaft versucht wird, alle Rassen, jede sexuelle Identität, Gleichberechtigung, Behinderungen, politische Fiktionen, Glauben…. in jedem Film unter zu bringen, braucht man auch keinen Film mehr schauen. Das spiegelt einfach nicht die Realität. Über der Schwarze stirbt zuerst, und Frauen kochen das Essen sind wir ja nun auch hinaus.

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    1. Ganz genau: „Tatsächlich Liebe“ ist eigentlich nicht mehr unserer Zeit entsprechend, wird aber regelmäßig zu Weihnachten neu aufgewärmt und uns als romantisches Ideal verkauft. Das war, was ich rüberbringen wollte. Bezüglich des Themas homosexueller Liebe kann man unterschiedlicher Meinung sein. – Ich bin dennoch kein großer Fan dieses Zahlen-Arguments, denn gerade wenn es darum geht, dass hier ja „tatsächlich“ alle Formen der Liebe dargestellt werden sollen, dann gehört diese Form auch dazu. Wenn wir grundsätzlich davon ausgehen, dass das was wir in den Medien konsumieren, unsere Realität mit konstruiert, dann muss endlich damit angefangen werden auch Menschen darzustellen , die anders begehren. Wenn diese weiterhin immer ausgeschlossen bleiben, dann wird sich auch deren Anerkennung in der realen Welt nicht verändern. Ich bedauere deswegen, dass gerade die Szene, die homosexuelle Liebe darstellt, gestrichen wurde. Denn die Szene war ja sogar schon abgedreht: https://www.youtube.com/watch?time_continue=226&v=_ao_heePixQ

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