Wir wollten von Simone Kampka wissen: Was ist eigentlich deine persönliche Vision? Sie sprach von geteilten Kleiderschränken, statt Kleidung, die im Schrank verrottet.

In der Süderfischerstraße 4a in Flensburg gehen jeden Donnerstag zwischen 19.00 und 20.30 eine Menge Kleidungsstücke über die Theke, allerdings nicht im herkömmlichen Sinne. Hier, im Sonnenblumenhausnicht zu verfehlen: Der Name ist Programm – wohnt Simone mit ihrem Freund. Und in dem großen Raum im Erdgeschoss organisiert sie, seit Anfang des Jahres, einen Klamottentausch. Bei einer Tasse Tee haben wir über unseren Konsum gesprochen und darüber, welche Alternative sie vorschlägt.

Simone Kampka
Simone Kampka organisiert jeden Donnerstag den Klamottentausch im Sonnenblumenhaus

Wir sitzen jetzt hier in einem Raum voller Kleidung. Gerade ist es aufgeräumt und ruhig, aber einmal in der Woche ist hier richtig viel los: Da kommen Tauscher*innen, um Kleidung herzubringen und sich im Gegenzug was anderes mitzunehmen. Für einige in Flensburg ist es eine Art Institution. Wie ist der Klamottentausch überhaupt entstanden?

Letzten Januar kam mir das erste Mal in den Sinn, dass ich eigentlich Lust habe, einen Klamottentausch zu organisieren. Das nahm seinen Lauf darin, dass ich früher mal sehr viel Mode konsumiert habe: Wenn es ein Sale-Schild gab, dann musste ich da unbedingt hin. Ich habe alles mögliche gekauft, teilweise auch einfach nur, weil es gepasst hat. Das allein hat manchmal als Argument schon gereicht.
Ich habe dann ein Jahr lang nichts mehr geshoppt, sondern sozusagen gefastet, weil ich mich nicht so abhängig machen wollte. Währenddessen ist mir bewusst geworden, dass ich nicht mehr in diesen Kaufrausch reinrutschen möchte.

Nochmal einen kleinen Schritt zurück: Wie kam es, dass das Thema für dich so wichtig wurde? Gab es ein einschneidendes Erlebnis?

Das habe ich letztens auch überlegt. Aber ich kann mich nicht so konkret erinnern, was der Impuls von außen war.

Unser Konsum tut allen Menschen etwas an, zum Beispiel durch das ganze Plastik, das in der Kleidung steckt.

Ich denke immer: Eigentlich wissen es ja alle, die meisten ändern nur eben nichts an ihren Gewohnheiten.

Ja, das stimmt. Man muss schon von irgendwo her davon gehört haben, was unser Kleiderkonsum mit der Umwelt macht und auch mit Teilen der Menschheit. Wenn man das im großen Kreislauf betrachtet: Unser Konsum tut auch allen Menschen wieder etwas an, zum Beispiel durch das ganze Plastik, das in der Kleidung steckt.

Was ist deine persönliche Motivation? Umwelt ist ein Aspekt, dann die Arbeitsbedingungen…

Ja, genau, die Arbeitsbedingungen… Hast du mal The True Cost gesehen? Da habe ich das erstmals richtig realisiert. Ich habe ganz, ganz lange gedacht, dass Mode generell von Maschinen gemacht wird. Dann habe ich das irgendwann mitbekommen, dass das Menschen sind, die das machen und dachte so: „Okay, krass. Und die Arbeitsbedingungen sehen ja auch nicht so gut aus.“ Als ich dann auch noch The True Cost gesehen habe, wurde es mir sehr bewusst.

Ja, so geht es mir auch. Ich habe das Gefühl, dass die meisten Menschen, die den Film gesehen haben, erstmal weniger Kleidung konsumieren. – Also zuerst kam das Bewusstsein und dann die Entscheidung, ein Jahr nichts mehr zu kaufen. Und danach hast du nach Alternativen gesucht?

Genau und ich habe schnell gemerkt, dass es in Flensburg nur wenige Möglichkeiten gibt. In den paar Secondhandshops habe ich nicht so richtig meinen Stil gefunden. Außerdem hatte ich noch so unglaublich viele Klamotten und wusste nicht so genau, wohin mit dem ganzen Zeug. Ich wollte den Berg erst einmal etwas minimieren. In die Altkleidersammlung wollte ich die Sachen aber nicht geben, weil ich wusste, dass nicht immer klar ist, was damit passiert. Also habe ich versucht, meine Kleider auf Flohmärkten oder auf Kleiderkreisel anzubieten. Das
Ich konnte nicht das finden, was ich gesucht habe und auch im Schnack mit anderen Freundinnen und Frauen habe ich festgestellt, dass ihnen das fehlt. Ich dachte, dann ist da irgendwie eine Nische. Irgendwie gibt es da nichts. Daraus erwuchs mein Bedürfnis, selbst etwas zu machen.
Zudem hatten wir diesen großen Raum hier, unten in unserem Haus, von dem wir ganz lange nicht wusste, was wir damit machen werden. Als Wohnzimmer hat sich das einfach nicht richtig angefühlt, wir saßen hier nicht viel. Und so nahm das dann seinen Lauf; ich dachte: Dann mache ich mal einen Klamottentausch an einem Samstag, Ende März. Ich hatte meine Teile hier so hingehängt und auch ein bisschen was von Freunden. Und dann kamen auch tatsächlich Leute.

Fröhliche Tauscherin
🙂

Ich konnte nicht finden, was ich gesucht habe und auch im Schnack mit anderen Freundinnen und Frauen habe ich festgestellt, dass ihnen das fehlt. Da war eine Nische.

Wie hattest du das vorher organisiert und auch kommuniziert?

Mein Freund und ich haben ein bisschen weiter darüber nachgedacht, wie das Konzept sein soll, nachdem ich den Entschluss gefasst hatte. Dann haben wir ein bisschen aufgebaut und umgebaut. Und dann ging es schon los.

Habt ihr am Anfang eher so unter Freund*innen hin und her getauscht?

Ich hatte das direkt am Anfang als Sonnenblumenhaus bei Facebook gepostet und so sind direkt beim ersten Mal sechs, sieben Leute von außerhalb gekommen, die ich gar nicht kannte. Es war also schon öffentlich, nicht nur mit meinen Freund*innen.

Ich finde es voll interessant, dass es den Kleidertausch erst seit März gibt. In unserer Bubble ist das eine Institution – es gibt niemanden, der oder die nicht zumindest schon davon gehört hat. Wie ist der Klamottentausch im Sonnenblumenhaus so bekannt geworden?

Also, die Leute haben mir beim ersten Tausch so schönes Feedback gegeben, dass ich total angespornt war weiterzumachen. Und die nächste Kleidertauschparty sollte dann Ende April sein. Immer so Ende des Monats. Ich war dann zwischendrin im Urlaub und es gab immer mehr und mehr Interessenten für die Veranstaltung, was mir ein bisschen Angst gemacht hat, weil plötzlich 200 Menschen „Interessiert“ angeklickt hatten. Und ich dachte so: Oh, wo kommen die denn jetzt alle plötzlich her?Und dann ist auch noch Nika von Viva con Agua auf mich zugekommen und hat gefragt, ob sie mir helfen kann. Die Leute von Viva con Agua haben schon öfter vorher hier in Flensburg solche Veranstaltungen organisiert. Ich habe ohnehin nach Leuten gesucht, die mir helfen können, das hat also gut gepasst. – Am Ende waren es dann nur 40 Leute und ich war fast ein bisschen enttäuscht. Durch diesen Ansturm habe ich mir dann aber überlegt: Vielleicht kann ich auch einmal pro Woche aufmachen?

Ich sehe im Tauschen auch Potential für unsere weitere Zukunft.

Wie lief das dann an?

Das wurde direkt gut angenommen. Zwar nicht in dem Maße wie jetzt; manchmal saß ich auch alleine hier und habe dann die ein, zwei Stunden irgendwie mit meinem Handy verbracht. Das gabs auch. – Der letzte große Schub kam durch den Klamottentausch mit Viva con Agua im Sommer, den wir zusammen im Kühlhaus organsiert haben. Das lief nach dem Viva con Agua System: dass man für den Eintritt etwas spendet und dann eins zu eins tauscht.

Tauscherin mit Kleiderbügeln
Hosen, Pullover, Abendkleider, alles was das Herz begehrt…

Du machst das ein bisschen anders, du nimmst hier einen Euro pro Teil. Geht das auch an Viva con Agua oder ist das sozusagen dein Taschengeld?

Ich nenne das gerne mein „Tauschgeld“, also für die Miete des Raumes und für die Organisation. Ich finde, der Klamottentausch ist ein so gutes Ding, dass ich es auch gerne immer größer wachsen lassen möchte. Ich sehe im Tauschen auch Potential für unsere weitere Zukunft und könnte mir gut vorstellen, noch mehr Zeit da reinzustecken. Aber ich muss auch von irgendwas meine Miete und mein Essen bezahlen und deshalb habe ich mir das Konzept ausgedacht: Pro getauschtes Teil bekomme ich einen Euro. Wenn man nichts mitbringt, sondern Secondhand shoppt, kosten die Teile zwischen zwei und fünf Euro, davon geht aber immer ein Euro an Viva con Agua.
Ab und zu werde ich auch gefragt, an wen ich meine ganzen Einnahmen spende. Denn: wenn etwas Gutes gemacht wird, dann muss das auch immer komplett gut sein und kann mit Geld nicht funktionieren. So ist auf jeden Fall die Erwartung. Das finde ich auch toll, aber dann muss unser System anders gedacht werden. Vielleicht mit Bedingungslosen Grundeinkommen oder so. Dann müsste ich nichts dafür nehmen, denn dann könnte ich hier wohnen und arbeiten und keine*r müsste für den Tausch bezahlen.

Wenn etwas Gutes gemacht wird, dann muss das auch immer komplett gut sein und kann mit Geld nicht funktionieren. So ist auf jeden Fall die Erwartung. Das finde ich auch toll, aber dann muss unser System anders gedacht werden.

Wie viel Zeit investierst du denn so in der Woche in den Klamottentausch im Sonnenblumenhaus?

Der Raum ist anderthalb Stunden in der Woche offen. Das Sortieren am Wochenende dauert schon so zwei, drei Stunden. Dann bin ich ganz viel auf Social Media aktiv, beantworte Nachrichten oder gucke, dass sich das weiterverbreitet. Das braucht sehr viel Zeit. Der Klamottentausch ist inzwischen außerdem als Gewerbe angemeldet und ich arbeite viel am Konzept – da investiere ich auch einige Zeit. Das sind schon so zehn Stunden in der Woche.

Und was machst du, wenn es dir irgendwann über den Kopf wächst?

Ich habe schon sehr viele Klamotten hier. Die meisten nehmen weniger mit, als sie gebracht haben, was ja auch gut und wichtig ist, wenn man erstmal aussortiert hat und noch total viel hat. Da ist es ja auch schön, sich erstmal Luft zu machen.
Siehst du die großen blauen Tüten da? Die wandern heute noch zum Frauenhaus. Das bringt eine liebe Tauscherin, die schon seit einigen Monaten dabei ist, dorthin. – Ich habe irgendwann einen Aufruf gemacht, weil ich es zeitlich nicht mehr geschafft habe, den Termin mit dem Frauenhaus zu machen und das alles selbst hin zu bringen.

Wie schnell gehen denn die Sachen hier sonst so weg und hast du einen Überblick, was hier ist?

Ja, grob. Die meisten Sachen, die reinkommen, gehen im gleichen Monat noch wieder raus: Entweder an die Tauscher*innen oder ans Frauenhaus. Aber es gibt auch manche Teile, die sind so cool, dass ich sie noch nicht weggeben konnte und dann hängen sie vielleicht auch mal länger hier. So Teile, bei denen ich denke: „Ach, deine Person kommt noch! Du wirst noch mitgenommen!“ Ab und zu gehen verrückte Teile auch ans Broschmann & Finke Theater.

Das heißt, eigentlich kann man sagen, dass es nicht nur ein Tauschring ist, sondern eher so eine Art Umschlagplatz für Kleidung.

Ja, absolut! So sehe ich mich auch. Es wird echt alles bei mir abgegeben. Teilweise auch Kleidung in sehr schlechtem Zustand, wo ich dann so denke: „Naja, das ist auch so ein verwaschenes Schlaf-T-Shirt.“ Aber ich schaue mir die Sachen nicht zu kritisch an, wie beispielsweise manche Secondhandläden das vielleicht machen. Ich nehme die Sachen trotzdem gerne an und gebe sie weiter.

Ich kenne auch andere Tauschkonzepte, die nach Hochwertigkeit der Kleidung unterschiedliche Märkchen oder so rausgeben. Wie sind denn die Erwartungen? Gibt es das auch, dass jemand mal enttäuscht ist und sagt: „Ach nee, dann will ich das hier nicht abgeben, wenn ich nicht was Gleichwertiges zurückbekomme.“

Ja, sowas wie: „Krieg ich nichts für meine abgegebenen Sachen? Ich bekomme kein Geld?“ – Dann erkläre ich das Konzept. Und oft sind die Leute dann irritiert. Dann biete ich immer an, schon einmal durchzuschauen: „Guck erstmal, ob das was für dich ist. Du musst nicht gleich alles abgeben.“ Und dann sind bisher alle wiedergekommen und haben ihre Sachen abgegeben, weil sie was Schönes gefunden haben.

Der Klamottentausch ist auf jeden Fall Konsumkritik und so auch Kapitalismuskritik. Konsum und Kapitalismus gehen ja Hand in Hand.

Siehst du das hier auch als Kapitalismuskritik?

Ja, also als Konsumkritik auf jeden Fall. Konsum und Kapitalismus gehen ja Hand in Hand. Ich selbst beschäftige mich auch immer mehr damit und konsumiere auch andere Dinge, wie zum Beispiel Dekoration, gar nicht mehr. Ich gucke stattdessen eher: „Wie kann ich eigentlich anders beschaffen? Und was braucht man auch überhaupt?“ Früher war ich total oft in der Einkaufsstraße – das brauche ich überhaupt nicht mehr. Ich würde es total schön finden, wenn man das anders gestalten könnte. Wenn man da andere Dinge in den Räumen tun könnte, als Geld auszugeben.

Gibt es eigentlich auch Menschen, die jede Woche kommen, bei denen du das Gefühl hast, dass der Klamottentausch im Sonnenblumenhaus für sie wie ein erweiterter Kleiderschrank ist?

Ja, also es ist auch für mich ein erweiterter Kleiderschrank. Ich shoppe gar nichts mehr. Und erst diese Woche sagte mir eine Frau, dass sie, seitdem es den Klamottentausch gibt, gar nicht mehr shoppen war und stattdessen denkt: „Ach, ich hab ja alles.“ Sie kommt ganz regelmäßig.
Es gibt auch Leute, die jede Woche kommen und austauschen. Manche Teile kommen auch wieder. Dann sag ich: „Oh, das war schon mal hier.“ Und dann kommt die Antwort: „Ja, war ganz nett, aber jetzt darf es auch wieder gehen.“ Das finde ich total toll. Es wäre schön, wenn sich das so etabliert in Flensburg, dass die Menschen sagen: „Ich habe hier meine zehn, zwanzig Teile, die ich irgendwie jetzt die zwei Wochen trage und dann tausche ich wieder durch.“

Wo willst du eigentlich mit der ganzen Sache hin? Hast du eine Vision?

Wenn ich mal utopisch denke, dann echt in die Richtung, wie ich es eben schon sagte. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das auch in anderen Städten etabliert: Es könnte für jede Stadt, jede Gemeinde, jede Kommune so einen Ort geben. Das können ja auch kleine Kreise sein, die sagen: Wir haben jetzt hier eine Anzahl von Klamotten und die teilen wir uns. Es ist ja nicht nur ein Tauschen, es ist auch ein Teilen. Es ist schön zu merken, wie sich eine Community bildet, die sich hier trifft und die in dieselbe Richtung will.

Es ist nicht nur ein Tauschen, es ist auch ein Teilen.

Das ist eine schöne Vision! – Eine letzte Frage: Wir sammeln in unserem Onlinemagazin vor allem Werkzeuge, um den Wandel voranzutreiben. Welches Werkzeug oder welche „Superkraft“ hast du gebraucht, um das hier zu starten?

Es gehört auf jeden Fall Mut dazu. Das ist das, was mich auch immer noch beschäftigt. Weil jeder Schritt, jedes Mal, wenn das größer wird, brauche ich Mut. Da ist immer dieses „Oh Gott, ich habe da eigentlich Angst vor, aber ich habe da auch Lust drauf.“ Und dann muss man sich die Angst bewusst machen und feststellen, dass sich das gerade groß anfühlt, aber trotzdem sagen: „Ja, mach mal.“

Simone organisiert nicht nur den Klamottentausch im Sonnenblumenhaus (Do 19.00 – 20.30), sondern ist auch die Gründerin der Facebook-Gruppe Nachhaltig leben. Flensburg. Ähnlich wie transitioneer, versucht sie auf diese Weise die verschiedenen Initiativen und alternativen Konzepte in Flensburg zu vernetzen und nach außen hin sichtbar zu machen. Jede*r kann beitreten.

Schuhe von oben

Posted by:emma

Eine Antwort auf „„Es ist nicht nur ein Tauschen, es ist auch ein Teilen.“

  1. Gutes Interview. Man fragt sich natürlich, was ist mit Arbeitsplätzen z. B. in Flensburg, die durch solche evt. um sich greifende Initiative verloren gehen und wo kommt das Geld für ein Grundeinkommen her? Ganz schön revolutionär, aber sehr spannend, wie es weiter gehen könnte. Viel Stoff für weitere Diskussionen.

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