Jahr 2312, im Cockpit eines Raumschiffes:

Als Solveig und Dimitri ihr Ziel fast erreicht hatten und nur noch 0,1 Lichtjahre vom Planeten Monsanton entfernt waren, begann Solveig von einem Kuriosum zu berichten: „Es stand gestern im Raumanzeiger, direkt auf der ersten Seite. Die Bürger von Campesina verbauen sich damit doch die Zukunft, mit ihrem unmodernen Abschottungsgehabe!“

Am Tag zuvor hatte der Planet Campesina im intergalaktischen Dialog erneut nicht dem Effizienzabkommen zugestimmt und würde somit weiterhin nicht an der Spezialisierung und am intergalaktischen Handel teilhaben dürfen. Die Bewohner*innen würden keine Raumschiffe von Daimleron, keine Industriegüter von Emazon und auch kein Saatgut von Monsanton erhalten.

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Solveigs und Dimitris Reise nach Monsanton hatte vor 0,6 Lichtjahren auf der Erde begonnen: Ihre Ladung, Lebensmittel – von Reis über Kartoffeln bis zu Sojabohnen, würden sie dort gegen Saatgut eintauschen. Dieses Saatgut würde für das nächste Erntejahr auf der Erde benötigt werden.

Solveig fuhr fort: „Ich meine, wenn die auf Campesina alles vor Ort machen – Landwirtschaft, Wohnen, Industrie. Stell dir mal vor, wir würden auf der Erde, wo wir unsere Nahrung anbauen, auch noch leben und wohnen, Dimitri. Wir hätten doch viel zu wenig Platz, um die ganze Galaxis zu versorgen. Die Spezialisierung bringt allen Planeten Vorteile. Und ich verstehe nicht, warum die Campesianer sich einem so guten, lebenswerten Leben verwehren wollen!“

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„Ein alter Schulfreund ist nach Campesina ausgewandert“, erwiderte Dimitri, „Wenn ich mit ihm spreche, merke ich tatsächlich, dass die Menschen dort, unseren Luxus niemals erreichen werden. Monsanton schafft es jedes Jahr, seinen Saatgutertrag um 13% zu steigern. Daimleron baut jedes Jahr größere Schiffe, um die gesteigerte Ernte besser zu transportieren, es wird nie wieder Armut geben.
Auf
Campesina ist dagegen Stillstand statt Fortschritt. Wenn dort mal die Bevölkerung wächst, weiß ich nicht, wie sie dort alle satt bekommen wollen, ohne ihre Effizienz zu steigern.“

Ernährungssicherheit existiert, wenn alle Menschen jeder Zeit den physischen, sozialen und ökonomischen Zugang zu nahrhaften, genügenden und sicheren Lebensmitteln haben.

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35 Jahre später auf der Erde, wir schreiben das Jahr 2347:

Als Dimitri und Solveig inmitten eines Möhrenfeldes bei der Ernte stehen, erinnern sie sich an ihre Unterhaltung über die „Hippies auf Campesina“ zurück. Die Menschen hier auf der Erde, die ausschließlich in der Landwirtschaft tätig sind, und die Campesianer – sie sind die Einzigen Überlebenden im Universum. Kurze Zeit vorher waren die Energiequellen  für den Raumschiffverkehr kollabiert.

Kollaps

Daraufhin waren sämtliche Planeten aufgrund fehlender Lebensmittellieferungen von der Erde, nach und nach verhungert: Sie saßen inmitten ihres Reichtums und waren zwischen Panzern und Kriegsschiffen auf Heckleron, oder zwischen Videospielen und Küchengeräten auf Emazon zugrunde gegangen.

Solveig steht auf dem Feld und starrt in den Himmel , als Dimitri zu ihr tritt: „Ist dieses Gefühl nicht absurd? Inmitten von Mengen an Gemüse zu stehen und zu wissen, dass es die letzten Möhren sind, die wir jemals ernten werden? Dass es keine nächste Saat gibt, weil kein Raumschiff nach Monsanton fliegen kann. Dass wir verhungern werden, wie die Rehe im Winter. Während die, da oben auf Campesina, einfach weiterleben wie zuvor…“

Der Tag, an dem auf Monsanton das Saatgut für die einjährig-wachsenden und multiresistenten Genpflanzen entwickelt worden war, war zum Schicksalstag für Solveig und Dimitri, sowie die allermeisten Bewohner des Universums, geworden. – Dieses Saatgut führt dazu, dass aus den Möhren, die die beiden in ihren Händen halten, im kommenden Jahr keine Ernte entspringen wird. Erst jetzt wird den beiden klar, dass die Lebensweise der Campesianer keine Ineffizienz gewesen war, sondern Widerstand. Es war keine Abschottung gewesen, es war Souveränität.

Ernährungssouveränität ist das Recht der Menschen auf gesunde und kulturell entsprechende Lebensmittel. Im Gegensatz zu dem Konzept der Ernährungssicherheit, gehört dazu auch das grundlegende Recht, selbst über die Art der Lebensmittelerzeugung und darüber entscheidende Faktoren zu bestimmen.

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Durch dieses Recht können umweltbezogene, soziale, ökonomische sowie ethische Aspekte besser in die Nahrungsmittelerzeugung einbezogen werden. Kleinbauern und -bäuerinnen, welche einen Großteil der weltweiten Nahrungsmittel produzieren, haben so die Möglichkeit lokal angepasste und agrarökologische Anbautechniken zu nutzen, statt eine von Konzernen abhängige Agrarindustrie zu betreiben. Diese führt zu erheblichen ökologischen und sozialen Schäden.

Nach den Fusionen der Unternehmen Bayer und Monsanto sowie Dow und DuPont beherrschen lediglich zwei Konzerne mehr als 50% des globalen Saatgutmarktes. Bayer Monsanto hat durch seine Marktmacht die Möglichkeit, einem großen Teil der Kleinbäuer*innen weltweit gentechnisch verändertes Saatgut zu verkaufen. Dieses Saatgut ermöglicht ausschließlich eine einmalige Ernte und muss danach neu gekauft werden.

Ernährungssicherheit diente regelmäßig als Argument für die Fusion von Bayer und Monsanto. Tatsächlich führt die Monopolstellung nicht nur zu der Abhängigkeit großer Teile der Weltbevölkerung von dem Konzern, sondern auch dazu, dass viele Kleinbäuer*innen weltweit in den Ruin getrieben werden, weil sie sich die dazugehörigen Pestizide nicht leisten können.

Via Campesina ist eine internationale Bewegung von Kleinbäuer*innen und Landarbeiter*innen, die sich stattdessen für Ernährungssouveränität einsetzt.

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Posted by:Philipp

4 Antworten auf „The lonely Planet – Was ist eigentlich Ernährungssouveränität?

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