Im Sommer war ich mit meiner Freundin Valérie in den schottischen Highlands wandern: Neun Tage waren wir auf dem West Highland Way unterwegs. Davor hatte ich mir genau ausgemalt, wie ich quasi neugeboren, frisch gestärkt und bereit für den Rest meines Lebens, zurückkehren würde: Ich wollte weise und gelassen werden. Ich wollte zehn Themen für transitioneer in meinem Kopf haben. Ich wollte wissen, über was ich meine Masterarbeit schreibe, welches Praktikum ich mache und wann ich endlich mein Zimmer neu streiche.

Ich habe – ihr ahnt es vielleicht – nichts davon gemacht. Es war wunderschön und völlig unproduktiv.

Auch wenn ich nichts von dem weiß, was ich wissen wollte, eine Erkenntnis habe ich mitgebracht: Wir lassen uns ganz schön viel von unseren Uhren (und von Google Maps) diktieren. Von gesellschaftlich normierten, in einzelne Minutenpakete abgepackten Zeiteinheiten.

Zu dieser großen(!) Weisheit gelangte ich auf etwa halber Strecke unserer Wanderroute, an einem besonders warmen Tag. Wir hatten eine vergleichsweise lange Etappe vor uns und waren morgens, wie immer, zwischen 9 oder 10 losgestampft. Ich weiß es nicht so genau, weil wir nie auf die Uhr schauten.

Unsere Mittagspause verbrachten wir in der Sonne schwitzend vor einem Pub: Während Valérie und ich bei einer Portion Pommes darüber fachsimpelten, wie viele Kilometer wir wohl schon hinter uns hätten, platzte es plötzlich ohne Vorwarnung aus unserem deutschsprachigen Sitznachbarn heraus. Er klang, als könne er die Tatsache kaum ertragen, die er uns verkündete:

Mit dem Auto sind es bis Crainlarich nur 10 Minuten.


Crainlarich war an dem Tag das Ziel aller Wandernden auf 
dem Fernwanderweg. Und Crainlarich würde erst am Abend erreicht werden. Plötzlich standen diese zehn Autominuten geschätzten vier bis fünf Wanderstunden gegenüber. Das Ganze wurde offenbar schlagartig des Sinnes beraubt. – So in etwa müssen die Gedanken im Kopf unseres Mitwanderers gerattert haben. Unbeeinflusst von unserer Unbeeindrucktheit, starrte er weiterhin völlig entsetzt auf das ergooglete Ergebnis seiner Zeitrecherche, stand dann mit einem Seufzer der tiefen Erschöpfung auf, nur um sich zehn Meter weiter in den Schatten zu setzen. Das Bewusstsein über die Zeit hatte ihm augenscheinlich augenblicklich alle Motivation aus den Beinen und Füßen gesogen. Als wir wieder unsere Rucksäcke schulterten, saß er immer noch mit glasigem Blick an die Mauer gelehnt und nippte an einer Cola.

Das Interessante ist nicht, dass dieser Wanderer vermutlich das nächstbeste Auto anhielt, um sich mitnehmen zu lassen. Bemerkenswert ist, dass Valérie und mir vorher nie in den Sinn gekommen war, herauszufinden wie schnell oder langsam wir, verglichen mit Googleergebnissen, unterwegs waren. Wir dachten nicht in Stunden und Minuten, sondern in Kilometern, oder vielmehr in sichtbaren Markern in der Landschaft: „Noch bis zum Baum da vorne, da machen wir Halt“. Wenn die Strecke sich am Ende des Tages zog, dann zückten wir die Wanderkarte und versuchten zu entschlüsseln, ob wir diese oder jene Kurve schon hinter uns gelassen hatten. Nicht einmal hingegen zogen wir Google und seine Zeitangaben zu Rate.

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Aber das Ergoogeln von Zeit scheint so sehr in die Gehirne und Finger der Menschen eingedrungen zu sein, dass wir schon wenige Kilometer später erneut mit Leuten in Kontakt kamen, die uns eine Zeitangabe von außen aufzwangen: An dem Tag trafen wir immer wieder einen Mann und eine Frau mittleren Alters. Wir machten immer versetzt Rast und so saßen entweder Valérie und ich am Wegrand auf einem Baumstamm, um Wasser zu trinken, oder eben die beiden. Ständig grüßten wir uns mit diesem verlegenen Lachen, dass man entwickelt, wenn man immer wieder den gleichen Menschen begegnet, sich aber nichts zu sagen hat, als „Hallo“. Vielleicht entsprang aus dieser latenten Sprachlosigkeit der Wunsch des Mannes, uns beim dritten oder vierten Treffen, von der Seite her mitzuteilen:

Es sind nur noch anderthalb Stunden.


Wir hatten ihn gar nicht danach gefragt, ob er wisse, wie lange es noch dauert. Es war nämlich überhaupt nicht unser dringlichster Wunsch, ganz bald anzukommen. Dennoch war das war der Anfang vom Ende, denn diese Zeitangabe ließ uns plötzlich alle paar Minuten auf die Uhr schauen, um seine Zeitangabe mit dem in Einklang zu bringen, was wir selbst erlebten. Nach den prophezeiten anderthalb Stunden, war Crainlarich nicht in Sicht und wiederum anderthalb Stunden später, verwünschten wir ihn fluchend. Der Weg zog sich wie Kaugummi und ich entwickelte sogar eine kleine Paranoia, dass uns das Wasser ausgehen würde, weil wir scheinbar nie ankämen! Niemals wäre es so weit gekommen, wenn wir nicht gewusst hätten, was Google sagt.

Ausgerechnet Google: Als ob die Vermessungsdrohnen von Google den West Highland Way, einen archaischen Weg, der teils auf alten Militärrouten der schottisch-englischen Kriege verläuft, abmessen könnten. Als ob sie wüssten, wie viel Zeit man zu Fuß an einem heißen Tag in den schottischen Highlands mit Trinkpausen verbringt. Als ob Google überhaupt irgendetwas mit dieser rauen Landschaft zu tun haben sollte, die sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass hier oft kein Internet zu empfangen ist. Google kann vielleicht Manhattan vermessen, aber nicht Schottland. (Deswegen liebe ich dieses Land vielleicht auch so sehr.)

Abends, als wir unseren Host danach fragten, wie denn die Strecke am kommenden Tag so sei, war die Antwort in etwa Folgende:

Zuerst geht es zehn Minuten den Berg hoch, das ist sehr anstrengend. Dann etwa eine halbe Stunde auf geradem, leichtem Terrain weiter. Danach überquert ihr einen Fluss und braucht etwa eine Stunde zum nächsten Dorf…


Und so fort. Ihr könnt es euch vorstellen.

Ist es nicht komisch, dass wir so sehr darauf fixiert sind, alles in zeitlich genau bemessene Einheiten zu packen, dass sogar bei der Beschreibung eines Wanderwegs dieser Parameter alle übrigen aussticht? Natürlich ist es hilfreich zu wissen, dass die Gefahr, abends im Dunkeln über Geröllbrocken auf dem Weg zu stolpern, gering ist, weil die Etappe grundsätzlich an einem Tag zu schaffen ist. Diese planerische Arbeit findet aber vorher statt. Wenn man erst mal auf der Strecke ist und weiß, dass man heute noch ankommt, dann könnten doch viel schönere Eigenschaften im Mittelpunkt stehen. So hätte unser Host auch erzählen können, wo sich auf dem Wegabschnitt besonders hinreißende Aussichten befinden, oder wie der Wind ihn das letzte Mal fast vom Pfad gefegt hat.

Ich finde es interessant, wie besessen unsere Gesellschaft von Zeit ist. Als sei etwas nur wertvoll, wenn es besonders kurz oder besonders lang dauert, wenn es also in einer bestimmten Zeitspanne zu erledigen ist. Offenbar geht es gar nicht um das Messen der Zeit, sondern um das Messen der eigenen Leistung. Dabei ist Zeit dafür gar kein gutes Qualitätskriterium, ist sie doch quantitativ.

Das Schöne am Wandern ist aber doch, endlich einmal genau im eigenen Tempo unterwegs zu sein. So wie es eigentlich zu uns passt, auf den eigenen Füßen. Ironischerweise wurden mir all diese Absurditäten während unserer Wanderung gerade deshalb so bewusst, weil ich gewandert bin, weil ich Abstand nehmen konnte, von dem alltäglichen Zeitgefängnis, das mich so oft umgibt.

Aber dennoch – und da bin ich kein bisschen besser, als diejenigen, die ständig beim Wandern mit Zeitangaben um sich werfen – hatte auch ich vorher natürlich mal wieder etwas Produktives mit der Wanderung und der Zeit vorgehabt:

In dem Moment, in dem ich mir vorgenommen hatte, Masterarbeitsthema, Artikelideen und Praktikumspläne zu durchdenken, hatte auch ich versucht, die Zeit, wieder einmal, nützlich zu machen.

Das Ziel war es vielleicht nicht gewesen, möglichst schnell den Weg zu schaffen, sondern die Pause vom Alltag vor allem dafür zu nutzen, mich darauf vorzubereiten, direkt danach wieder produktiv durchstarten zu können.

Daraus ist zum Glück nichts geworden. Sobald wir auf dem Weg waren, war mein Kopf nur noch in der Lage, endlich mal wieder zu genießen. Wandern ist mein Kampf gegen den Stress. Im Alltag tuts auch mal ein Spaziergang.

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Es wird Zeit, die Zeit in die Schranken zu weisen. Deswegen gibt es jetzt diese Kolumne. Von Zeit zu Zeit beschäftige ich mich damit, wie die Zeit eigentlich zu so einem gesellschaftlich gefürchteten Ungeheuer geworden ist. – Leider habe ich keinen Zeitumkehrer, deswegen gibt es diese Gedanken nur unregelmäßig, aber immer zur richtigen Zeit. Emma

Posted by:emma

5 Antworten auf „Ich habe Zeit // durch die schottischen Highlands zu hetzen

  1. Endlich Zeit gefunden, mich mit the transitioneer zu befassen. 😘 Werde heute bei strahlender Wintersonne eine kleine Wanderung am Ratzeburger See ohne Uhr unternehmen.

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